Philosophie und Praxis des indischen Tantra

Was ist Tantra? Ein Blick auf seine indischen Wurzeln

Was ist Tantra? Der vorsichtigen Beantwortung dieser Frage nähern wir uns am besten mit einem Blick auf die Herkunft und Bedeutung des Wortes “tantra”.

Die Bedeutung des Wortes “Tantra”

Zuerst einmal ist da das ursprünglice Sanskrit-Wort tantra mit seinen mehreren, unmisssverständlichen Bedeutungen wie Theorie, Lehre oder einfach Buch, Text. Das Wort beschreibt zwal ganz allgemein jede Art von Buch, doch verweist es in der Regel auf niedergeschriebene Texte, von denen es heisst, sie seien von einem Gott oder einer Göttin höchstselbst offenbart worden. Diese Art der tantras, also göttliche Schriften, taucht in Indien erstmals im 6.Jahrhundert auf. Im Laufe von 1000 Jahren entstanden so Hunderte größerer und Tausende kleinerer Schriften, die als tantras bezeichnet werden.

Jene Schriften, von denen es heisst, ein Gott habe sie offenbart, werden auch agamas (“was zu uns gekommen ist”) genannt; jene von Göttinen offenbarten Texte werden auch nigamas genannt.

Im Kontext dieser von Göttern offenbarten Schriften hat das Wort tantra wiederum eine spezifische Bedeutung und verweist in der Regel auf ein in diesen Texten erläutertes, mehr oder weniger vollständiges System der Praxis. Ein Lehrer oder Guru würde also in erster Linie im Kontext eines bestimmten Tantra arbeiten und seine Lehren auf der Grundlage dieses tantras an seine Schüler weitergeben, eventuell ergänzt durch Lehren aus verwandten Schriften oder Kommentaren zu diesem tantra. In diesem Sinne bezeichnet das Wort tantra also ein System spiritueller Praxis, das im Kontext eines bestimmten heiligen Textes erläutert wird. Menschen, die in der Tradition der Tantras praktizierten würden also einander fragen: „welchem Tantra folgst Du?“

Westliche Lehrer des Neotantra zitieren hingegen bevorzugt die wörtliche Übersetzung, des Wortes „tantra“ mit „Gewebe“ oder „Netz“, nicht zuletzt um die Assoziation , dass alles miteinander in Verbindung stehe, zu betonen. Jedoch zitiert oder impliziert keiner der als tantras bezeichneten Texte diese Bedeutung des Wortes tantra.

Ein bewährter Weg der Etymologie ist die Zerlegung eines Wortes in seine Bestandteile. Die in dieser Hinsicht bekannteste Etymologie bricht das Wort tantra herunter auf seine zwei Wurzelbegriffe tan (ausbreiten, ausdehnen, vermehren) und tra (sichern, beschützen), wie im Kamika-tantra beschrieben:

Tanoti vipulan arthan tattvamantra-samanvitan – Trananca kurute yasmat tantram ityabhidhyate.

„Weil es das Wissen vermehrt über die hervorbringenden Elemente der Wirklichkeit (tattvas) und über die Mittel der Befreiung (mantras), und weil es uns schützt (vor dem Kreislauf des Leidens), wird es tantra genannt.“

Mit anderen Worten: Tantra verbreitet die Weisheit, die uns schützt oder befreit. Das Wort tan hat hier eine doppelte Bedeutung. Im eher weltlichen Sinne bezieht es sich auf tantrische Praktiken, die uns im Alltag nützen und uns schützen (niedere Magie); es deutet aber auch die große spirituelle Befreiung aus dem Kreislauf allen Leidens an (höhere Magie), die durch Tantra verwirklicht werden kann.

In Anlehnung an die Begriffe mantra und yantra kann man tantra auch verstehen als ein Instrument (tra) zur Ausdehnung (tan), so wie mantra betrachtet werden kann als Instrument zum Umgang mit dem “Geist” (man) und yantra als Instrument zur Ausübung von “Kontrolle” (yan).

Moderne westliche Lehrer mögen die Interpretation des Wortes tan als „ausweiten, ausdehnen“ und stellen so eine Verbindung zu den Ideen der Ausdehnung des Bewusstseins und der Ausweitung der Freude her. Diese Verbindung wird zwar von den ursprünglichen Tantras nicht gestützt, widerspricht aber auch nicht der Lehre noch der Erfahrung des Tantra. Vielmehr gibt diese Interpretation Auskunft darüber, welchem Aspekt des tantra in der Gegenwart die größte Bedeutung zugemessen wird.

Im mittelalterlichen Indien eine tantrische Einweihung erhalten zu haben bedeutete üblicherweise, von einem einzelnen Guru in eine bestimmte Linie eingeweiht und von diesem in eine tägliche Praxis unterwiesen worden zu sein, die auf den Inhalten eines bestimmten tantras basierte. Dem tantrisch Eingeweihten erschien somit Tantra nicht als eine hochkomplexe, abstrakte Angelegenheit, sondern eine zutiefst praktische und einfache. Ihn kümmerte nicht, was andere Gurus oder tantras lehrten, sondern er/sie konzentrierte sich auf die eine ihm oder ihr vermittelte Praxis.

Es ist also wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass mit dem Begriff “tantra” ursprünglich ein bestimmtes System spiritueller Praxis im Kontext eines bestimmten heiligen Textes bezeichnet wurde, der wiederum nur im Kontext einer bestimmten Philosophie und Kosmologie richtig interpretiert werden konnte, die in ihrer Gesamtheit nur innerhalb der tantrischen Tradition vorzufinden sind.

Der folgende Abschnitt fasst die wichtigsten Punkte dieser exklusiven tantrischen Sicht zusammen, bevor wir uns anschauen, aus welchem religiösen, philosophischen und magiepraktischen Umfeld und Material sich diese explizit tantrische Sicht entwickelte.

Die tantrische Sicht

Das ganze Universum und alle Dinge und Wesen darin – alles was existiert und jemals exisieren wird – ist eine Manifestation unbegrenzten, reinen, göttlichen Bewusstseins, das sich selbst in Grenzen gehüllt und so die dualistische Welt der vielen Dinge und Wesen hervorgebracht hat, um sich selbst auf mannigfache Weise zu reflektieren und zu erfahren. Alles bewusste Leben ist eine Selbsterfahrung des Bewusstseins. Alle fühlenden Wesen sind letztlich unterschiedliche Ausformungen des einen göttlichen Bewusstseins, welches auf das Universum, das sein Körper ist, durch unzählige Paare Augen schaut.

Da alle Dinge und Wesen Formen manifestierten unlimitierten Bewusstseins sind, ist jeder Aspekt des Lebens, jede Erfahrung, die wir machen können, gleichermaßen “rein”, bzw. jenseits von “Reinheit” und “Unreinheit”. Es gibt im tantrischen Denken keine Vorstellung von “Sünde”. Alles menschliche Leid ist zurückzuführen auf Unwissenheit, auf das Nicht-Gewahrsein der unlimitierten Natur des Bewusstseins, das die Essenz unseres Seins ist. Auf Grund dieser Unwissenheit identifizieren wir uns mit der limiterten Bewusstheit unserer Individualität.

Tantra lehrt nun, dass der Weg zu persönlichem Glück und weltlichen Erfolg identisch sein kann mit dem Weg zur spirituellen Befreiung – und über das Loslassen und Auflösen der Identifikation mit dem limiterten Bewusstsein führt. Da jede sinnliche Wahrnehmung und Erfahrung der Welt Teil hat an der grundlegenden Natur unlimitierten Bewusstseins, kann jede Erfahrung und Wahrnehmung genutzt werden, die Essenz reiner, universeller Bewusstheit zu realisieren. Und das Tantra scheut nicht davor zurück, jene Aspekte unserer Erfahrung, die uns normalerweise fester an unsere Identifikationen mit den limitierten Zuständen binden, als Mittel der Befreiung zu nutzen.

Jede intensivere Wahrnehmung von Glück oder Schmerz zieht unsere Aufmerksamkeit stärker an, bindet unsere Bewusstheit. Indem wir lernen, diese intensiveren Erfahrungen bewusster zu erleben und zu ihrer Quelle zurück zu verfolgen, erkennen wir die wahre Natur des Bewusstseins als unbegrenzt und unverhaftet. Wenn wir diesen Prozess immer wieder und regelmäßig vollziehen – durch spirituelle Praxis und gesteigerte Aufmerksamkeit im Alltag – können wir lernen, unsere Identifikation weg zu bewegen von dem limiterten Bewusstsein hin zum unlimiterten. Befreiung zu Lebenszeit (jivanmukti) ist dann verwirklicht, wenn die Erfahrung des unlimitierten Bewusstseins unauslöschlich in Dir zentriert ist. Es gibt dann keine Erfahrung mehr, die Dich vom Göttlichen, Universellen und Freien trennt. Die Erfahrung der wahren Natur deines Seins – und des Seins aller Dinge – ist dann maximal einen Atemzug entfernt. Das ganze Universum wird zu einem einzigen, ekstatischen Tanz der 5 Kräfte des Bewusstseins, der Glückseligkeit, des Willens, des Wissens und der Handlung.

Vor diesem Hintergrund erschließt sich auch der Sinn des Einbeziehens der Sexualität in die spirituelle Praxis, wie sie von den Tantra-Schulen des linken Spektrums (später dazu mehr) gelehrt und praktiziert wurde. Das sexuelle Erleben ist eine prototypische Erfahrung der Kontraktion des Bewusstseins. Unsere Aufmerksamkeit wird in sexueller Erregung auf ganz natürliche Weise gefesselt, die Sinneswahrnehmung ist intensiviert und all unser Fühlen und Denken bestimmt von kama, Verlangen: aus tantrischer Sicht die ideale Verfassung, um die unbegrenzte Natur des Bewusstseins zu realisieren, wenn wir dank entsprechender Praxis die Kontrolle über unser Bewusstsein beibehalten und das Verlangen zu seiner Quelle zurückverfolgen. Dann können wir erfahren, wie selbst die intensivste Ich-Erfahrung aus dem unberenzten Urgrund auftaucht, ihren Höhepunkt findet und wieder sich auflösend zurück sinkt in den Urschoß aller Erfahrungen. Jede Ich-Erfahrung, jede Wahrnehmung, jeder Atemzug rekapituliert den gesamten Kreislauf des Lebens von Geburt, Gedeihen und Vergehen en miniature. Und jede einzelne dieser Phasen ist gleichermaßen ein Ausdruck des universellen Bewusstseins, das sich zum Zwecke der Selbst-Erfahrung aus freiem Willen in die unendliche Vielfalt seiner Manifestationen hüllt.

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