Philosophie und Praxis des indischen Tantra

Tantrische Sexualität – eine Erfindung des Neotantra

Tantra ist mittlerweile so sehr mit der Idee einer tantrischen Sexualität verbunden in den Köpfen der meisten Westler, dass jeder Versuch, die Beiden zum besseren Verständnis wieder zu trennen, einem den Vorwurf beschert, man sei Sex-feindlich oder leugne das Sexuelle im Tantra. Das ist natürlich absurd. Viele der Tantras, gerade der frühen Vajrayana-, Vama- und Kaula-Traditionen (alle drei mit starken Einflüssen der Naths) sind so explizit in der Darstellung präziser sexueller Handlungen, vor allem den Verzehr sexueller Ausscheidungen betreffend, dass eine Leugnung der sexuellen Praktiken im Tantrismus schon einer sehr starken Verdrängung bedarf. Andererseits zu behaupten, dass diese sexuellen Praktiken im Mittelpunkt der tantrischen Lehren stünden oder dass eine Verbesserung des Sexuallebens oder des Orgasmus deren Ziel seien, bedarf einer noch größeren Form der Verdrängung – oder einem Paar Augen, das vor überquellender Gier nichts anderes mehr sehen kann als triefende Yonis und explodierende Lingas. Oder es handelt sich dabei einfach um Ignoranz, deren Omnipräsenz aus Anstandsgründen gerne verleugnet wird, obwohl sie so offensichtlich zur Hausherrin der Massen geworden ist.

Die Mär vom „heiligen Sex“ im Tantra

Das Problem mit dieser Obsession für die tantrische Sexualität ist, dass sie blind macht für die anderen Aspekte tantrischer Praxis, die viel wesentlicher, grundlegender und wichtiger sind – und die den Rahmen bilden, innerhalb dessen die sexuelle Energie erst ihre befreiende Macht entfalten kann. Es scheint oft so, als hätten die westlichen „Tantriker“ in den Agamas und Nigamas einfach so weit nach vorne geblättert, bis es endlich um Sex ging – und dann ihr gesamtes theoretisches und praktisches Verständnis um diesen einen Aspekt herum gezimmert. Herausgekommen ist eine ritualisierte tantrische Sexualität, die zu den Gipfeln der Ekstase und kosmischen Orgasmen führen soll, um die es den Tantras angeblich geht.

Das wirklich Traurig-Komische an diesem Maskenspiel ist, dass „tantrische Sexualität“ hier einfach oft als Deckmantel dient für wirkliche, tiefsitzende Probleme mit der eigenen Sexualität und Selbstwertigkeit.
Indokrinierte Schuld- und Schamgefühle hemmen die Vitalität und Sexualität vieler Menschen, und in der man der Sexualität nun einen neuen Rahmen verleiht und die sexuellen Impulse mit einem sublimierendem, höheren Ziel verknüpft, wird aus der tierischen Geilheit jetzt etwas Aktzeptableres: die tantrische Sexualität, heiliger Sex, die Verschmelzung von Mann und Frau, sprich: die sanktionierte Vögelei. Wenn nun einige der Praktiken aus den tantrischen Traditionen hilfreich dabei sein können, diese Hemmungen und Verletzungen im Rahmen einer psycho- oder körpertherapeutischen Arbeit aufzulösen, dann ist das doch großartig. Aber deshalb Tantra zu einer Therapieform zu erklären ist ebenso kurzsichtig und ein weiteres Beispiel für die immer wieder unterschätzte Kraft des Egos, das ALLES zu seinem EIGENEM machen möchte.

Wenn die sogenannten Tantra-Seminare des Neotantra nicht schon vollkommen degeneriert sind zu pseudospirituellen Single- oder Swingertreffen mit Hüfttuch-Ästhetik, dann findet man die „Tantrische Sexualität“ dort meist in einer von drei Erscheinungsformen bzw. Funktionen:

Tantrische Sexualität als „Ozeanischer Sex“

Bei diesem vom Mediziner und Psychoanalytiker Stanislaf Grof in seiner bahnbrechenden Arbeit Geburt, Tod und Transzendenz geprägten Begriff geht es

…nicht um einen Sexualakt, der durch eine befreiende Entladung und Erleichterung nach einer Phase heftiger Anstrengungen charakterisiert ist, sondern um einen spielerischen und beide Seiten durchdringenden Energieaustausch, der Ähnlichkeit mit einem Tanz besitzt. Das Ziel besteht darin, den Verlust der eigenen Grenzen zu erleben, mit dem Partner in einem Zustand glückseliger Einheit zu verschmelzen. Die Vereinigung der Geschlechtsorgane und die orgasmische Entladung werden zwar intensiv empfunden, im Hinblick auf das letzte Ziel aber – die Erlangung eines transzendenten Zustands der Einheit männlicher und weiblicher Prinzipien – als sekundär betrachtet.

Gerade die bekannte Margo Anand und ähnliche Damen und Herren Bhagwanscher Provinienz propagierten diese Art der Sexualität als Tantrischen Weg der sexuellen Ekstase. Grof selber aber wusste, dass ozeanisches Erleben der Sexualität nicht identisch ist mit der Funktion der Sexualität im Tantrismus:

Hier (in der tantrischen Sexualität) ist das Ziel die Erfahrung der Transzendenz und Erleuchtung, wobei die Geschlechtsorgane und die sexuelle Energie nur als geeignetes Mittel zum Zweck dienen. Es ist fraglich, ob man in diesem Zusammenhang überhaupt von Sexualität sprechen soll, da es sich eigentlich um eine spirituelle Yogatechnik handelt, die es nicht auf die Befriedigung biologischer Bedürfnisse absieht.

Offensichtlich hatte Grof, ein Akademiker, genügend Demut sich mit dem zur Verfügung stehenden Material über den Tantrismus und dessen schriftlichen Überlieferungen vertraut zu machen.

Tantrische Sexualität als heilender Sex

In keinem Tantra, das ich bisher gelesen habe, ist mir das Wort „Heilung“ oder auch nur ein verwandter Begriff davon untergekommen. Die westliche New Age-Bewegung vermittelt dagegen die Vorstellung, die sexuelle Energie solle gleich herhalten zur Heilung aller innerer Spaltungen, Verletzungen und Deformationen. Selbst wenn die Sexualität dies alles bewerkstelligen könnte, wäre das noch immer nicht Anlass, das Etikett „Tantra“ draufzukleben, denn was die Tantras beschreiben, hat einfach ganz andere Prämissen und Ziele.

Zweifellos kann eine gesunde, befriedigende und vitale Sexualität dabei helfen, innere wie äußere Heilungsprozesse zu unterstützen, z.B.: Stärkung des Prana/Chi, balancierende Hormoncocktails, gestärkte Stoffwechsel- und Herz-Kreislaufprozesse, gesteigerte Vitalität und Selbstwertgefühle u.ä. Doch es bleibt ein gravierender Fehler, die Lehren der Tantras als Psychospirituelle Medizin aufzufassen, denn zum einen wird so die natürliche Funktion der Sexualität mit zusätzlichen Aufgaben und Funktionen belastet, was eine langfristige, schädliche Wirkung sowohl auf die Psyche wie auf die Sexualität ausüben kann; zum Anderen, und das ist ein wichtiger, vielfach ignorierter Punkt, können manche der tantrischen Praktiken sich sehr schädlich auf die Gesundheit von Körper, Geist und Seele auswirken. Manche tantrische Praktiken sind schlichtweg gefährlich – einer der Gründe, warum nur geeignete Personen mit entsprechender Vorbereitung in diese Praktiken eingeweiht wurden.

Die frühen Tantriker waren wirklich verrückte, experimentelle Alchemisten. Nicht wenige sind an Vergiftungen gestorben. Gerade ihre Furchtlosigkeit gegenüber Krankheit und Tod hat sie soweit geführt, dass sie Techniken und Methoden entdeckten, die von ungeheurer Wirksamkeit sind für die Transzendenz aller Vorstellungen und Selbst-Anhaftungen. Fortgeschrittene tantrische Praktiken sind für den Anfänger definitiv keine Medizin, sondern Gift. Soviel zur Heilungs-Absicht im Tantra. Tantra strebt nach Befreiung. Erlangt werden kann die Befreiung durch Stillen des scheinbar unstillbaren Verlangens (kama), das Shakti (Energie, Form) zu Shiva (Bewusstsein) – und vice versa – zieht.

Tantrische Sexualität als erotische Liebeskunst

Auch sind weder das Kamasutram noch die meisten der erotischen Skulpturen auf und in den Tempeln Indiens „tantrischen“ Ursprungs.  Das Kamasutram (das auf einen Vatsyayana zurück geht) entstand während des 3. und 5. Jahrhunderts n. Chr. , lange bevor die ersten Tantras auftauchten. Auch enthält es absolut nichts von dem, was in den Tantras erörtert wird. Das Kamasutram ist eine Sammlung von Techniken und Anweisungen für junge Aristokraten, aus der sexuellen Liebe eine Kunst oder einen Sport zu machen. Neben den körperlichen Kniffs und Techniken enthält es eine Menge Ratschläge, wie der gelangweilte Prinz betrügt, lügt und täuscht um seine Liebesbeute zu verführen; wie er sie wieder loswerden kann, nachdem er seinen Spaß mit ihr hatte und wie er den meisten Spaß aus Vergewaltigungen von Untergebenen und Sklaven ziehen kann.

Viel relevanter, lebensfreundlicher und reifer sind dagegen die Ratschläge des bezeichnenderweise weniger propagierten Ananga Ranga, das sich an verheiratete Paare richtet, die ihr Liebesleben bereichern und vertiefen wollen. Im Gegensatz zum Kamasutram enthält es auch Verweise auf die 16 kalas und verschiedene Kraftzentren im Körper und andere Tantra-relevante Elemente, die im Kamasutram nicht zu finden sind. Und was die großartig üppigen und sinnlichen, sexuellen Figuren der Tempel von Khajuraho und Bubanesvar „tantrisch“ macht, ist nicht ihre Sinnlichkeit und Sexualtiät, sondern die Tatsache, dass Asketen und Priester mit gehobenen Händen Mudras vollziehen und der großen, geordneten Orgie einen eindeutig rituellen Rahmen verleihen. Nebst der Tatsache, dass sie errichtet wurden zu einer Zeit (zwichen dem 9. und 12. Jh.), als die Lehren des Kaula Tantra ihren Höhepunkt und den Schutz durch Könige genossen.

Und entgegen allen Beteuerungen vieler Neotantra-Lehrer wird in den meisten Tantras die Sexualität zwischen Mann und Frau überhaupt nicht angesprochen geschweige dann erläutert (eine große Ausnahme ist das Yoni Tantra). Tatsächlich zeichnen sich die (meisten) tantrischen Lehren einfach dadurch aus, dass ihnen das Sexuelle genauso natürlich und heilig ist wie ALLE anderen Erscheinungen des körperlichen Lebens auch.

Nichts spricht gegen – und eigentlich alles für – eine solide Sexualbildung- bzw. Sexualerziehung, denn ganz sicher kann in einer christlich geprägten Kultur etwas mehr Raffinesse und Kultiviertheit im Umgang mit dem Körper und dessen freudenspendenden Eigenschaften nur von Vorteil sein. Das eigene Sexleben oder die Beziehung aufzufrischen mit neuen Ideen und Experimenten im Umgang mit Atmung, Bildern, Stellungen und Gefühlswelten kann nur bereichernd sein. Trotz aller Vitalität, Kreativität, Ausgeglichenheit, die eine ausgefeilte Liebeskunst mit sich bringen kann: die tantrischen Lehren kreisen nicht um die Verbesserung des Sexuallebens, egal wie ignorant sich die Neotantra-Kultur dagegen stemmen mag.

Die Sexualität liefert in den Tantras letztlich den Treibstoff. Die Lehren der Tantras aber kreisen um das gesamte Gefährt und die Reise damit – und nicht nur um das Benzin.

Kein Tantra möchte aus dem Mann den besseren Liebhaber machen oder aus der Frau die bessere Liebhaberin – sondern beiden dabei helfen, über ALLE Bedingungen und Anhaftungen hinaus zu gehen und die Erfahrung der Wirklichkeit in jedem Moment zur Erfahrung der eigenen wirklichen Natur machen; das ursprüngliche Verlangen (kama) befriedigen: Kundalini Shakti mit Shiva vereinen. Ist dieses Verlangen befriedigt, gibt es kein unerfülltes Verlangen mehr im Leben. Der Mensch ist dann befreit zu Lebenszeit (jivanmukta) von allen Neigungen zur Anhaftung – alle Furcht und Scham verschwinden aus seinem Leben, das er nun in seinen weltlichen (bhoga) wie geistigen (yoga) Freuden genießen kann bis zum letzten Ausatmen.

Kali-Tantra.de bemüht sich, das Gefährt „Tantra“ den Interessierten nahezubringen, sowohl von der traditionellen wie von der expermientellen, in jedem Falle aber authentischen Seite der Praxis.

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