Philosophie und Praxis des indischen Tantra

Authentisches Tantra und Neotantra – ein Schlusswort

Viele Menschen verwechseln noch immer authentisches Tantra mit der New-Age-Variante des Neotantra. Hier ein kurzer Überblick, wie es dazu kam.

Tantra – vom „Pfui“ zum „Hui“

Als die frühen Missionare und britischen Kolonialherren mit ihren sehr prüden Moralvorstellungen erstmals auf Zeugnisse des Tantra und seiner Praktiken stießen, waren sie entsetzt über derartige Auswüchse einer in ihren Augen kranken Gesinnung. Ihre Ablehnung alles Real-Sexuellen in der spirituellen und religiösen Praxis traf auf heftigste Ablehnung und verstärkte die bereits vorhandene ambivalente Haltung der orthodoxen Inder zu diesen „Auswüchsen“ ihrer Kultur und Religion. Die Folge war, dass „Tantra“ zum Inbegriff des Anstößigen wurde in den Augen des Establishments.

Als in den 1960er Jahren der rebellische Geist der Jugend sich vehement gegen das Establishment wendete, erschien fortan alles, was von eben diesem Establishment als anstößig und degeneriert verurteilt wurde, in einem ganz neuen Licht. Eine ganze Generation von Libertins, Künstlern und Intellektuellen feierte die Befreiung von alten Fesseln – und zum Inbegriff dieser befreienden Taten wurde der „freie Sex“, der in esoterischen Zirkeln schließlich zum „heiligen“ oder „hohen“ Sex“ mutierte. Make love, not war war das (sympathische) Credo dieser Generation, und folglich schienen Ihnen auch Götterfiguren, die sexuelle Liebe praktizierten, sehr sympathisch. Dazu kamen die zahlreichen psychedelischen Erfahrungen und ein zunehmendes Interesse an „spirituellen Wegen“, insbesondere Yoga und Tantra.

Aus dieser Gemengelage aus Vorstellungen von prüden Christen, künstlerischen Freiheiten und den Ideen uninformierter Hippies schälten sich schließlich jene Bilder vom „Tantra“ als einer Lehre der sexuellen Befreiung und als Weg der sexuellen Ekstase heraus, die bis heute mehr oder weniger Bestand haben in Form des Neotantra.

Sex makes Money

Die Schleier der Unkenntnis wurden noch dicker, als geschäftstüchtige Guru-Darsteller anfingen, ihren westlichen Schülern Tantra in der Schnabeltasse zu servieren. Unübertroffen in dieser Kunst war Bhagwan Shree Rajneesh, später Osho, der seinen Anhängern genau das gab, wonach sie verlangten: ein Gemisch aus hedonistischer Philosophie, „freier Liebe“ und Körpertherapien, das er tatsächlich als Tantra verkaufen konnte. Das Praktische an seinem Tantra: es war spontan. Man brauchte nichts tun: keine Übungen, keine Verehrungen, keine Rituale und natürlich auch kein Denken oder sonstige geistige Praxis.

Nachdem einige seiner klügeren Schüler erkannten, dass man auf Bhagwans Weg zwar nicht zur Befreiung und Erleuchtung gelangt, dafür aber zu einem gefüllten Bankkonto, wurde das Erfolgsrezept Bhagwans/Oshos kopiert und wieder kopiert: halte die Menschen fern vom Gold der Quellen und ursprünglichen Lehren und verkaufe Ihnen das Blei deiner Interpretationen.

Die Folge dieser Entwicklung ist, dass, wer heute mit dem Stichwort „Tantra“ im Internet oder einer Buchhandlung sucht, unweigerlich den Eindruck bekommen muss, dass die frühen „Tantriker“ alle unter Erektions- oder Orgasmusproblemen gelitten haben und daher all ihren Willen, ihre Kraft und Hingabe darauf richteten, diesen sexuellen Defiziten mittels grober Atemtechniken, lautem Singen von Mantras, Schüttelbewegungen des Beckens und einer ganzen Palette von Massagetechniken beizukommen. Und fortgeschrittene „Tantriker“ sind demnach solche, die in einem Akt ritualisierter Sexualität sich emporschwingen zu den Gipfeln der Ekstase, wo sich männliche und weibliche Energien vereinen zu einer ursprünglichen Einheit.

Nichts davon ist wahr. Und es ist an der Zeit, mit der Verbreitung dieses Unfugs aufzuhören.

Die 3 häufigsten Irrtümer des Neotantra

1. Shakti ist die weibliche Energie und Shiva ist die männliche Energie

Falsch. Shakti meint Macht, Energie, Kraft – inklusive Materie und Form. Im Shaktismus ist shakti das höchste Bewusstsein, das Brahman erzeugt, aus dem wiederum alle anderen Götter und Wesen, hervorgehen, inklusive Shiva, der seinerseits Shakti als manifestierte Energie erschafft. Im Shivaismus ist shakti die personifizierte, alle Wirklichkeit manifestierende Energie. Im tantrischen Buddhismus wiederum verkörpert sie die Energie der aktiven männlichen Gottheiten.

Shiva meint der Glückverheissende, der Gnadenvolle und ist ursprünglich ein Titel für den vedischen Gott Rudra. Als Asche beschmierter, fast nackter, Schlange tragender Gott ist er der Herr der Befreiung, des Yoga, des Tanzes, der Askese und der sexuellen Aktivität und wird identifiziert mit reinem, formlosen Bewusstsein.

In nuce ist die Vereinigung von Shiva und Shakti also die Vereinigung von Energie und Bewusstsein, die im Mann und in der Frau stattfinden muss. Wer den tantrischen Pfad betritt, ist, ganz gleich ob Mann oder Frau: Shiva – und alle Wesen, ja jedes belebte und unbelebte Objekt ist Shakti.

Vor diesem Hintergrund wird das ganze Sein zur nicht enden wollenden Vereinigung, zur kontinuierlichen Ekstase, zur reinen, immerwährenden Freude.

In der rituellen sexuellen Vereinigung, maithuna, nimmt die Frau in der Regel die Rolle der Shakti ein – sie wird rituell zu dieser gemacht. In extremen Varianten des linkshändigen Tantra nimmt dagegen der Mann die Rolle der Shakti an und die Frau die Rolle des Shiva. Unsere Geschlechter-Bilder spielen hier keine Rolle. Immer geht es um eine Transformation des Bewusstseins. Wer ein tantrisches Ritual vollzieht zur Befriedigung seiner sexuellen Bedrüfnisse, ist wirklich ein armes Geschöpf.

2. Tantra ist ein Weg zur sexuellen Ekstase

Falsch. Nicht ein einziges Tantra beschreibt als Ziel noch als Inhalt die Verbesserung oder Sublimierung des persönlichen Sexuallebens. Wer den Schwarm von Neotantra-Seminar-Anbietern als Tantra-Autoritäten betrachtet, wird das natürlich nicht oder nur schwer schlucken können. Es ändert aber nichts daran, dass sich die Fakten dieser „Auslegung“ widersprechen, welche – wie ich hinzufügen möchte – recht engherzig und kleingeistig erscheint.

Sexualität spielt eine wichtige Rolle vor allen in den Methoden des linken Tantra-Weges. Aber sexuelle Ekstase ist – wenn überhaupt – nur ein Mittel zum Zweck, ganz sicher nicht das Ziel. Tantra wurde nicht konzipiert, um sexuelle oder emotionale Defizite von vernachlässigten Ehemännern oder -Frauen auszugleichen.

3. Tantra ist für Alle geeignet

Falsch. Tantra ist überwiegend für Menschen geeignet, die für ihre psychische Stabilität nicht angewiesen sind auf Bestätigung aus ihrem sozialen Umfeld. Die Sanktionierung der Gesellschaft ist ihnen schnuppe. Die meisten Menschen sind aber nicht noch nicht bereit, ihre mentalen, psychischen und sozialen Ketten und Rüstungen abzulegen. Ohne diese Bereitschaft aber bleibt jedes „Tantra“ nur Theater.

Du musst dies als ein Geheimnis hüten und keinen Teil davon preisgeben ausser an hingebungsvolle Schüler, andernfalls verursacht es deren Untergang

Diese Warnung aus dem 2. Kapitel des Kularnava-Tantra wurde und wird fortwährend ignoriert. Mit dem Ergebnis, dass heute sich von Tantra überwiegend jene Menschen angezogen fühlen, die auf Grund ihrer emotionalen, sexuellen und geistigen Defizite am wenigsten für diesen direkten Weg zur Befreiung geeignet sind. Während jene, die wirklich geeignet wären, diesen Ansammlungen hungernder Seelen fern bleiben und alles, was den Namen „Tantra“ trägt, fortan meiden wie die sprichwörtliche Pest – oder nur dessen nichtsexuelle Varianten praktizieren.

11 Merkmale des authentischen Tantra

Um klarzustellen, worum im Gegensatz zum Neotantra die traditionellen oder eher authentischen, tatsächlichen Lehren des Tantra  kreisen, hat Georg Feuerstein folgende 11 Punkte zusammengetragen.

  1. Einweihung und spirituelle Unterweisung durch einen qualifizierten Lehrer / Guru
  2. der Glaube, dass Geist und Materie Manifestationen einer höheren Wirklichkeit sind, welche identisch ist mit unserer eigentlichen ursprünglichen Natur
  3. die Vorstellung, dass die spirituelle Wirklichkeit (nirvana) keine von unserer alltäglichen Erfahrungswelt (samsara) getrennte Welt, sondern ihr inhärent ist
  4. der Glaube in die Möglichkeit, vollständige und dauernde Befreiung noch während der Lebenszeit, also im lebenden Körper zu erreichen.
  5. die Vorstellung, dass Befreiung erlangt werden kann durch Mittel, die die spirituelle Kraft der Kundalini-Shakti erwecken, welche im menschlichen Körper und Geist unerwacht ruht.
  6. Der Glaube, dass wir immer wieder geboren werden und dass dieser Kreislauf nur angehalten werden kann im Zustand vollständiger Befreiung / Erleuchtung
  7. der Glaube, dass wir zur Zeit im Dunklen Zeitalter leben, dem Kali-Yuga, und daher jedes nur mögliche Mittel nutzen sollten, um das Ziel der Befreiung zu erreichen, auch wenn diese Mittel von der Mehrheit der Menschen abgelehnt oder sogar verboten werden
  8. der Glaube an die magische Wirksamkeit des Rituals, ausgehend von der metaphysischen Annahme, dass der Mikrokosmos (unser menschliches Dasein) eine Reflektion des Makrokosmos (des Universums) ist
  9. die Einsicht, dass spirituelles Erwachen einher geht mit der Entwicklung oder Erweckung bestimmter psychischer Kräfte, die erforscht und erlernt werden sollten, um sie sowohl zu spirituellen wie zu materiellen Zwecken einsetzen zu können.
  10. Die Erkenntnis, dass die sexuelle Energie ein mächtiges Reservoir darstellt, mit dem der spirituelle Prozess beschleunigt werden kann
  11. Das Hervorheben der Wichtigkeit persönlicher Erfahrung und mutigen Experimentierens
11 Merkmale des  authentischen Tantra

11 Merkmale des authentischen Tantra

Alle Inhalte auf dieser Website dienen dazu, die Philosophie, Theorie und vor allem die Praxis des authentischen Tantra dem Interessierten näher zu bringen, soweit das über Worte und die Möglichkeiten des Internet möglich ist. Ich schreibe authentisches Tantra und meine das auch, ob traditionell oder nicht. Das Neotantra kann nicht als eine authentische neue oder gar weiter entwickelte Form des traditionellen Tantra betrachtet werden, da es weder dessen Prämissen noch dessen Ziele und zu einem großen Teil auch nicht dessen grundlegende Praxis teilt. Ganz zu schweigen von den Unterschieden der Erfahrung – hier die Hauskatze Neotantra und dort der Tiger Kaulamarg.

Wenn ich einem Flugzeug die Flügel abnehme und ihm statt dessen vier Räder gebe, den Jetantrieb durch einen Verbrennungsmotor ersetze und seine Größe um 1000% reduziere, sollte ich es nicht mehr Flugzeug nennen – sondern „Automobil“. In diesem Sinne: lassen wir die Spielarten des Neotantra aus der Diskussion und Erörterung des Tantra heraus – und widmen uns mit ganzem Herzen und offenem Geist der Weisheit und Schönheit und Freude spendenden Freiheit der tantrischen Lehren der Kaulas.

Links:

Brajamadhava Bhattachrya, The World of Tantra 

Georg Feuerstein: Tantrism & Neotantrism

Chögyam Trungpa, Cutting Through Spiritual Materialism

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