Philosophie und Praxis des indischen Tantra

Tantra Tempel – erotische Tempelkunst in Indien

Nicht jeder indische Tempel, der erotische Akte oder Figuren abbildet, ist unweigerlich ein Tantra Tempel. Auch die Inder früher und zukünftiger Jahrhunderte kannten ein erotisches Leben vor und jenseits des Tantra. Gibt es einen Unterschied zwischen profaner und sakraler Erotik in den Darstellungen der indischen Tempel?

Tantra Tempel Khajuraho

Lakshmana Tempel Khajuraho

Das Göttliche Liebesspiel als Schöpfung

Einige der als Tantra Tempel bezeichneten Bauwerke wie der berühmte Lakshmana-Tempel im Tempelkomplex von Khajuraho zeigen unverblümt sexuelle Akte, Flirtereien und Zärtlichkeiten als Ausdruck von Leela, des immerwährenden Göttlichen Spiels. Kama, Verlangen, ist die Ursache alles Seienden (und für Buddhisten die Ursache allen Leidens) – und ohne die Erfüllung dieses Verlangens in der ekstatischen Vereinigung von Shiva und  Shakti gibt es keine Befreiung aus der Kette des  Seins. Shiva erscheint als Linga und Shakti als Yoni – und ihre Vereinigung bringt alles Seienede hervor. Verlangen erzeugt die Kette des Seins – und befreit daraus. Dieser Doppelaspekt der sexuellen Energie ist ein charakteristischer Zug tantrischer Lehren, und die Darstellung erotischer Handlungen soll stets daran erinnern. Ein tantrischer Text (im shilpa prakasa aus einem Agama zitiert) erklärt sogar:

Ein Ort ohne erotische Bilder sollte gemieden werden.

Erotische Tempelkunst im indischen Mittelalter

Nun, sowohl in Privathäusern wie auch in Tempeln tauchen erotische Darstellungen schon lange vor dem Auftreten von Tantra auf. Doch waren solche Darstellungen üblicherweise beschränkt auf verborgene innere Teile des Tempels. Erst mit dem Aufkommen des Kaula Tantra entstanden dann die immer größer werdenden Tempel mit den für alle weithin sichtbaren expliziten Darstellungen erotischer Akte. Immer mehr Könige der indischen Provinzen bemühten sich um eine größere Einbindung der ländlichen Gebiete und übernahmen und etablierten – neben ihrer vedischen Tradition – auch die Kulte um ländliche, in der Regel weibliche Gottheiten. Am stärksten zugeneigt waren die Königlichen den zornigen, kriegerischen Göttinnen, von denen viele als Yoginis verehrt wurden. Diesen Yoginis errichteten die Könige viele und große Tempel, von denen wir heute gerne als Tantra Tempel sprechen.
Die Verwurzelung der Kaula und Krama Traditionen des Tantra in den ländlichen Regionen erklärt sich unter anderem mit der Abwesenheit vedischer Zensur – und der stärkeren Bindung an alte Fruchtbarkeitskulte mit deren immanenten, hohen Achtung vor allen Aspekten des Weiblichen.

Das Ende der Tantra Tempel

Ab dem 12. Jahrhundert schwindet der Einfluss des Tantra – und die Könige entziehen ihre Unterstützung so schnell wie sie sie einst schenkten (nicht zuletzt wegen des starken Einflusses des einströmenden Islam). Der sakrale Charakter der rituellen Orgie verschwindet zunehmend aus den Abbildungen auf den neu errichteten Tempeln. Tantrische Symbole, Metaphorik und Ritualcharakter  dienen nur noch als Deckmantel für die sexuellen Ausschweifungen, die von den Veden und dem Islam verabscheut werden. Schließlich gedeiht – unvermeidlich ist man geneigt zu sagen – die Tempelprostitution, die mit den ursprünglichen Lehren und Zielen des Tantra soviel zu tun hat wie die heute verbreitete Tantra Massage, die moderne Erscheinung der „Tempelprostitution“.

4 Wichtige Tantra Tempel Indiens

Kamakhya – die Heimstatt der Yoni

Kamakhya im nordöstlichen Bundesstaat Assam ist einer der heiligen Orte der Shakti (shakti pithas). Dem Mythos zufolge fiel die Yoni der toten Sati an dieser Stelle auf die Erde, als ihr Gemahl Shiva, ihren toten Körper haltend, mit ihr tanzte. Das Innerste des Tempels besteht aus einer Höhle mit einer natürlichen Quelle, die aus einem Spalt in Yoni-Form aus dem Fels quillt. Ein paar Stufen weiter abwärts befindet sich eine geheimnisvolle Kammer, mit Seiden-Saris ausgelegt und mit Blumen geschmückt ist dies der Ort der matra-yoni, die Yoni der Erde (Mutter). Kamakhya kann man als die Mutter aller Tantra Tempel betrachten. Zu diesem Tempel pilgern seit Jahrhunderten ohne Unterbrechung tantrische Adepten aus aller Welt.

Bhubanesvar – die Stadt der Tempel

Bhubanesvar, die Stadt der vielen Tempel im östlichen Bundesstaat Orissa, beherbergt u.a. den Vaital, einen Tantra Tempel, der im 8. Jahrhundert errichtet wurde und noch heute ein wichtiges Zentrum des Tantra in Indien ist. Im Inneren des Tempels steht eine beeindruckende Statue der mächtigen Chamunda, einer Form der Kali mit einer Halskette aus Totenschädeln und einem Leichnam unter ihren Füßen. Dieser Tempel ist ein finsterer Ort, nicht nur was die Lichtverhältnisse angeht. Geister, Dämonen, Blut, Verzehr von Leichenfleisch und Vereinigung auf und mit Toten – der Vaital-Tempel hat seine eigene Methode, die Essenz des Tantra zu vermitteln und spricht vor allem Kapalikas und Aghoris an.

Kalighat – Blut für die Göttin

Tantra Tempel Kalighat Kali

Kalighat Tempel

Auch dieser Tantra Tempel in Kalkutta zu Ehren der Göttin Kali (kalika) ist ein wichtiger Wallfahrtsort für Tantriker. Die Legende weiss, dass hier einer der Finger der toten Sati zur Erde fiel. Kalighat ist berühmt-berüchtigt für seine Blutopfer. Wurden früher durchaus auch Menschen rituell geopfert, so wird heute überwiegend Ziegen mit einem Schnitt des Schwertes der Kopf abgetrennt und das Blut gesammelt in einem Gefäß, um es der Göttin als Opfer zu bringen.

Der Tempelbezirk von Khajuraho

Kjajuraho im zentralindischen Bundesstaat Madhya Pradesh, bietet eine faszinierende Geschichtslektion: fast alle Tempel der Anlage wurden von den Herrschern der Chandella Dynastie zwischen 950 und 1120 erbaut. Nach dem Niedergang der Dynastie im 12. Jahrhundert verunmöglichte die explizite tantrische Natur der Tempel deren weitere Nutzung durch orthodoxe Hindus. Der Dschungel nahm die Tempel in seine wild wuchernden Arme – und verbarg sie für Hunderte von Jahren vor der Zerstörungswut der Hindus und der Muslime. Im 19. Jh. von den Briten wieder entdeckt, wurden sie im 20. Jh. wieder vollständig erschlossen und renoviert.

Der sehr unterschiedliche Charakter dieser 4 Tantra Tempel zeigt, wie vielschichtig Tantra in Denken und Praxis ist. Die westliche Fixierung auf die erotischen Aspekte des Tantra sagt daher mehr über unsere kulturellen Einflüsse und Prägungen aus als über die indischen, aus denen Tantra hervorgegangen ist.

2 Kommentare
  1. Guten Tag Frank
    Herzlichen Dank für die tollen seiten über Tantra.
    Namasté – Shakti Pelé

  2. Sehr gerne, Katharina – da kommt auch noch eine Menge mehr 🙂

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