Philosophie und Praxis des indischen Tantra

Das Herz – im Zentrum der Tantras

saiva tantra herz erfahrungDas Herz ist die zentrale tantrische Erfahrung. Allerdings verknüpft die indische Geistes- und Lebenskultur mit dem Begriff des „Herzens“ zu einem großen Teil ganz andere Vorstellungen als wir Europäer es tun. Wenn wir also verstehen wollen, wovon der Tantrismus spricht, wenn in ihm vom „Herzen“ (hridaya) die Rede ist, sollten wir also vermeiden, unsere eigenen europäisch geprägten Bilder darauf zu projizieren.

Als Europäer denken wir vom Herzen gerne als dem Sitz der Gefühle, daher auch die Vorstellung, dass Liebe, Sehnsucht und Verlangen dem Herzen entspringen. Wir reden vom offenen Herzen, wenn wir jemanden als ehrlich und offen empfinden, als vertrauenswürdig und hilfsbereit. Oder wir sprechen davon, dass jemand sein Herz verloren hat, wenn er sich verliebt hat. Oder dass sein Herz gebrochen ist, wenn er verlassen wurde. Wenn jemand scheinbar ohne Mitgefühl ist, sagen wir, er hätte ein kaltes Herz oder gar ein Herz aus Stein. Wenn jemand uns mutig erscheint, sagen wir, er habe ein Herz, wenn wir Angst haben, dann rutscht uns das Herz in die Hose, usw…

Denke selber mal darüber nach, was Du mit dem Begriff des Herzens verbindest. Als Europäer tendieren wir dazu, das Herz mit dem Sitz unserer Identität, insbesondere der gefühlsmäßig erfahrenen Identität, zu verbinden. Identität und Gefühl – diese gehen oft Hand in Hand in unserer westlich geprägten Vorstellungswelt. Das Herz als Symbol verbinden wir in der Regel mit einer bestimmten Art von Erfahrung, meist einer gefühlsmäßigen, die uns bewegt.

In der indischen Literatur und Symbolwelt hingegen ist das Herz die Quelle schlichtweg jeder Erfahrung, nicht nur der Gefühle. Dem Inder entspringen dem Herzen Wissen, Denken, Glauben, Zweifel, Bewusstheit, Stille – und im Herzen vereinigen sich die Götter mit dem Menschen. Jede Erfahrung des Geistes und der Sinne findet letztlich im Herzen statt. Diese indischen Vorstellungen finden sich schon zahlreich in den Veden, den Upanishaden und den Yoga-Lehren. Da die indische Gedankenwelt rund um das Symbol des Herzens so relevant ist für das richtige Verständnis der vielen Praktiken und Meditationen, die mit oder im Herzen vollzogen werden, ist es angebracht, ein klares Bild dieser Vorstellungen zu gewinnen. Bleibt dieses Verständnis aus, so werden viele der in den Tantras, Agamas, Samhitas, und Sutras beschriebenen Praktiken schlicht und ergreifend falsch verstanden und in Folge auch nicht im gemeinten Sinne durchgeführt. Vieles, das am Neotantra Stirnrunzeln auslöst, ist nicht zuletzt dem falschen Verständnis der Herz-Symbolik aus den indischen Schriften geschuldet.

Nehmen wir uns einen kurzen Augenblick Zeit und schauen auf die verschiedenen Bedeutungen der Herz-Symbolik in der indischen Kultur und Religion.

Das Herz als Organ

Das Aufschneiden von Leichen verletzt in Indien gegen religiöse Gesetze. Aus diesem Grunde ist das Wissen der Inder um Anatomie und Organfunktionen sehr eingeschränkt. Unsere westliche Vorstellung vom Herzen als einem Muskel, der Blut durch den Körper pumpt, findet daher keine Entsprechung in der indischen Vorstellungswelt. Die ganz allgemeine Vorstellung der alten Inder kennt sieben Elemente (deren Essenz die ojas sind, die Lebensenergie), aus denen der Körper zusammengesetzt ist. Das erste Element ist rasa (Mark, Körpersäfte) und besteht aus verdauter Nahrung. Es bewegt sich durch 24 Kanäle durch den Körper. Diese Kanäle treten alle aus dem Herzen aus. Das Herz ist also das zentrale Organ, um verdaute Nahrung im Körper zu verteilen. In den weiteren Transformationen werden die einzelnen Elemente jeweils zum nächsten Element verdaut, bis sie schließlich als Sexualsekrete (Samen, Vaginalsäfte und Menstrualblut) ihre letzte Form angenommen haben.

In diesem Denksystem spielt offensichtlich der Verdauungsprozess eine entscheidende Rolle. Der ganze Prozess von Verdauung der Nahrung bis zur Erscheinung als Sexualsekrete braucht 28 Tage. In den Sexualsekreten liegt somit nach einem langwierigen alchemistischen Prozess die Lebensenergie (ojas) in seiner feinsten und potentesten Form vor. Kein Wunder also, dass Vamacara-Tantriker so erpicht sind auf den Verzehr derselben.

Anahata – das Herz als Chakra

Das System der 7 Chakras ist das am meisten verbreitete, aber bei weitem nicht das einzige Chakra-System. Gerade die tantrischen Lehren sind reich an Variationen der Chakra-Lehre. Aber in keinem dieser Systeme gibt es ein Chakra, das dem entspricht, was die meisten Esoteriker und Neotantriker ihr „Herzchakra“ nennen. Fast ausschließlich mit Gefühlen und dem Ich assoziiert, ist das Anahata-Chakra zum beliebtesten Symbol einer Rührseligkeit geworden, die viele mit einer wirklich relevanten Erfahrung verwechseln. Das Anahata-Chakra befindet sich in der Region des Herzens, aber auf einer anderen Karte als das physische Herz, in einem anderen Körper. Das Wort anahata meint einen Klang, der entsteht, ohne dass 2 Dinge sich berühren. Die Trommel muss geschlagen, die Flöte geblasen, die Gitarre gezupft, die Geigenseiten gestrichen werden usw.. Das Herz jedoch erklingt ohne jeden Einfluss, ganz aus sich selbst heraus. Sein Klang ist ein Widerklang der Natur Brahmans – und diesem Klang zu lauschen ist eine wesentliche Praxis im Nada Yoga. Und natürlich spielt er spielt eine große Rolle bei der Mantra-Praxis.

Istadevata – Das Herz als Sitz der persönlichen Gottheit

Ein weitere Bedeutung hat das Herz als Sitz der persönlichen Gottheit. Der Bereich, wo sich istadevata (die persönliche Gottheit) befindet, liegt etwas unterhalb des Anahata-Chakras und wird ananda kanda genannt. Dort befindet sich auf einem Thron das eigene Selbst bzw. die persönliche Gottheit oder der persönliche Guru, dessen Abbild meist in Größe des Daumens imaginiert wird. In diesem Ort oder dieser Bewussteins-Location (hridaya) setzen auch die Insel-Meditationen an, die so zahlreich in den tantrischen Schriften auftauchen.

Oft beginnt die Visualisierung mit der Vorstellung eines Ozeans aus reinem Nektar im Herzen. Aus dessen Mitte erhebt sich eine Insel aus Edelsteinen, der Strand ist gesäumt von schimmernden Juwelen, zu allen 4 Seiten der Insel wachsen üppige Bäume von atemraubender Fülle und Schönheit. In diesem Hain gedeiht ein prachtvoller Garten, in dem viele Blumen und Früchte wachsen. Wunderbare Gerüche erfüllen die Luft, Bienen summen, Vögel zwitschern. Strahlende Farben überall und die Haut wird liebkost von warmer Luft. Im Zentrum des Gartens ragt ein Pavillon aus Rubinen und Smaragden und anderen Edelsteinen. Im Pavillon steht ein juwelenbeschmückter Thron, darauf deine persönliche Gottheit (istadevata) sitzt. Schau sie Dir an, ihre Gestalt, ihre Ornamente, ihren Schmuck, ihre Waffen , ihre Haltung, ihren Ausdruck, ihren tierischen Begleiter.  (Die Kontemplation über die istadevata in dieser Form gilt als grobe (stula) Form der Meditation (dhyana) und ist ein möglicher Zugang zur tantrischen Erfahrung des Herzens. Die feineren Formen der Meditation benötigen keine Visualisierung mehr.)

Das Herz in den Tantras

In den tantrischen Überlieferungen ist die wichtigste Bedeutung des Herzens die Verbindung von Bewusstsein und Form. Dies macht das Herz zum Organ der Erkenntnis, des Denkens und der Bewusstheit. Obwohl manche tantrische Linien lehren, der wahre Sitz des Bewusstseins sei im Kopf, ist die Überlegung, den Sitz des Selbst in die Region des Herzens zu legen, nicht zuletzt der zutiefst praxisorientierten Natur der Tantras geschuldet. Es hat einfach praktischen Wert. Wenn der Sitz des Selbst im Kopf lokalisiert ist, dann wird in der Anbetung und Meditation alles Bewusstsein in den Kopf gezogen, was einige Nachteile mit sich bringt. Der Kopf wird dadurch schwerer, d.h. der Körper hat seinen Schwerpunkt zu weit oben, was das Aufrechterhalten der Sitzposition und Balance schwieriger macht. Außerdem verführt die gesteigerte Aufmerksamkeit für den Kopf dazu, in Gedanken verwickelt zu werden. Legt man den Sitz des Bewusstseins dagegen in die Mitte des Körpers, ins Herz, dann fällt es leichter, entspannt zu sitzen und tiefer in die Meditation zu sinken. Der Rückzug aus der Aussenwelt geschieht leichter und weniger Ablenkungen stören die Erfahrung.

Die tantrische Überlieferung macht das Herz zu einem seiner wichtigsten Symbole – und seine größte Bedeutung im sowohl theoretischen wie praktischen Verständnis der Lehren hat das Herz sicher im Kashmirischen Shivaismus erlangt. Hier ist das Herz nicht nur der Kern der Wirklichkeit, die sich aus der vibrierenden und pulsierenden Natur des Bewusstseins entfaltet, sondern auch gleichzeitig die Manifestation aller Schwingungen. Im Kashmirischen Shivaismus haben Ursprung, Erhaltung und Auflösung der wahrnehmbaren Welt ihre Wurzeln im – und ihre Wirklichkeit durch – das Herz.

Links

http://www.sein.de/archiv/2011/mai-2011/tantra–sexualitaet-mit-herz-und-geist-verbinden.html

http://www.amazon.de/Das-entflammte-Herz-tantrischen-entfalten/dp/3894275049

http://www.tantra.or.at/d_odier.htm

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