Philosophie und Praxis des indischen Tantra

Rotes Tantra ist Vamacara, der Weg der linken Hand

Rotes Tantra ist ein gängiger Begriff geworden für jene Praktiken des Tantra, die traditionell Vamacara, der linke Weg, oder Vamamarga, der Weg der linken Hand, genannt werden. Im folgenden schildere ich kurz die Hauptmerkmale des Linken Weges bzw. des Roten Tantra und verwende beide Begriffe synonym. Alle einzelnen Facetten werde ich in Artikeln hier auf Kalitantra.de ausführlich erörtern, daher sind sie hier nur kurz angedeutet, damit Du einen ersten Überblick hast.

Rotes Tantra – der Weg des Helden

Vamacara, der linke Weg, umfasst jene Praktiken und Methoden, die dafür gesorgt haben, dass Tantra sein anrüchiges Image erlangt hat und dass Tantra fast ausschließlich mit bestimmten Sexualpraktiken identifiziert wurde – und von den Anhängern des Neotantra auch noch immer wird. Vama bedeutet im Sanskrit u.a. links und dunkel und bezieht sich vor allem auf die lunaren, weiblichen Aspekte des Universums, die u.a. in der linken Körperhälfte lokalisiert werden. „Links“ bezieht sich auch auf die Sitzposition der Frau im kulacakra, im Kreis der die sexuelle Riten Vollziehenden, in denen die Frau zur Linken des Mannes sitzt – oder auf die Richtung des Kreises, in der sich der Kreis der Vereinigung dreht. Dreht sich der Kreis der Shaktis in linker Richtung, also gegen den Uhrzeigersinn, dann ist es Zeit für brummend mächtige Magie.

Die Bezeichnung „rotes Tantra“ verweist sowohl auf die Farbe des Muladhara-Chakras, in dem die Kundalini-Shakti ruht, als auch auf das Menstruationsblut, das von den Vamacarin (der den linken Weg Praktizierende) als Sakrament verehrt und, vermischt mit Samen, rituell verspeist wird. Auch bezieht sich der Ausdruck „rotes Tantra“ auf den roten Tropfen, der mit der weiblichen „Energie“ assoziiert wird. Nach einigen hinduistischen und buddhistischen Lehren wird der Mensch gezeugt durch die Vermischung des weissen Tropfens des Vaters mit dem roten Tropfen der Mutter.

Vor allem aber bezieht zieht sich der Begriff vama, links, auf das aktive Brechen von religiösen und sozialen Tabus im alten Indien. Diese Tabu-Brüche waren elementare Bestandteile der Einweihung in die Vamacara-Praxis des Tantra. Der Ritus der 5 Ms, panca makara, ist das bekannteste Beispiel dafür. Die Verwendung sexueller Praktiken im rituellen Kontext ist zwar ein typisches Charakteristikum des Vamacara-Tantra, allerdings wurden diese nur angewandt von Eingeweihten, die eine bestimmte Reife in ihrer Entwicklung erzielt hatten, den Viryas (virya = Held). Diese Reife bestand im wesentlichen neben der Beherrschung bestimmter (meist innerer) Yoga-Techniken und Praktiken vor allem darin, keine Anhaftung mehr zu entwickeln zu Dingen der sinnlichen Wahrnehmung sowie zu Vorstellungen, Vorlieben und Abneigungen. Wirklich rotes Tantra ist also erst ab einem gewissen Reifegrad möglich. Der noch sinnenverhaftete Mensch gilt als Pashu (= Tier, Vieh) – und jeder Mensch tritt als Pashu auf den Pfad des Tantra ein. Die Pashu-Natur hinter sich zu lassen ist ein wahrlich heldenhafter Akt, und die Virya-Natur wird im Feuer der Sexuellen Vereinigung gestärkt, genährt und gestählt, bis sie zur unverrückbaren, unzerstörbaren Diamant-Natur geworden ist, zum Gottgleichen Status eines Divya (=Gottheit).

Der linke Weg – Rotes Tantra zur Befreiung im dunklen Zeitalter

Im Mittelpunkt des Vamacara steht unmissverständlich die reale Ausübung und Verehrung der sexuellen Energie, die explizit mit der weiblichen Natur, Shakti, identifiziert wird. Und die Verehrung der weiblichen Gottheiten, vor allem in ihren dunkleren Aspekten, geht auf frühere Zeiten zurück als die Tradition des Tantra.

Wer Vamacara bzw. Rotes Tantra praktizieren will, in all seiner Konsequenz, der muss verstehen, dass die innerste Natur dieser Tradition eine befreiende Kraft ist, die seit ihrem Bestehen gegen Widerstände kämpfen musste: gegen religiöse, gesellschaftliche, politische Kräfte, die ihre Autorität und Macht bedroht sahen – und sehen. Auch heute. Die Widerstände nehmen immer wieder neue Formen an – ein Grund, warum in diesem dunklen Zeitalter (kali yuga) es der unbestechlichen Energien der Kali bedarf, um den Schleier der Unwissenheit zu zerreissen.

Eine treffende Zusammenfassung der Essenz des Vamacara bieten Zeena und Nikolas Schreck in ihrem (leider vergriffenen) Buch Demons of the Flesh:

5 Wesensmerkmale des Linken Weges (Rotes Tantra)

 

  1. Die Wandlung von menschlichem in göttliches oder universelles Bewusstsein mittels Manipulation der sexuellen Energien von physischem und subtilem Körper in sexuellen Riten.
  2. Die auch sexuelle Verehrung des weiblichen Aspekts des Universums: Macht oder Energie, Shakti im Sanskrit.
  3. Einweihung durch die absichtliche Verletzung von tiefsitzenden äusseren sozialen und inneren persönlichen Tabus, die Lösung des Individuums von den Werten und sozialen Normen seines Stammes bzw. der Gesellschaft, sowie die radikale Umkehrung von Konventionen und Orthodoxien jeglicher Art.
  4. Tantra ist im gewissen Sinne elitär, da es nicht geeignet für alle körperliche, psychische und geistige Dispositionen ist. Denn Tantra „geschieht“ nicht auf natürliche Weise, es muss erlernt werden. Es zielt auf das individuelle Bewusstsein, ohne jeden Bezug auf eine kollektive Identität als soziales Geschöpf oder Beziehungspartner und unabhängig vom persönlichen Glauben oder politischen Überzeugungen. So gilt z.B. in der modernen Welt die demokratische Vorstellung, jeder habe das Recht auf Zugriff auf jedes Wissen. Tantra lehrt jedoch, dass bestimmtes Wissen nur an ausgewählte Wesen vermittelt werden kann – zur richtigen Zeit und unter den richtigen Umständen.
  5. Ein Weg der Einweihung, der aktiv dieses Leben, diese Welt, diesen Körper nutzt, um Erwachen und Erleuchtung zu erlangen. Tantra ist eben kein Eskapismus, keine Flucht aus der drückenden Wirklichkeit, sondern die volle Konfrontation mit der Totalität der physischen und psychischen Existenz, die Ekstase und Freude ebenso umarmt wie Schrecken und Sterblichkeit.

 

Rotes Tantra oder Vamacara ist ein Weg, der intensive Liebe und Leidenschaft nutzt, um tief in die Quelle allen Verlanges, kama, vorzudringen – und die Kundalini-Shakti zu erwecken.

Im Kali Yuga, dem gegenwärtigen dunklen Zeitalter, braucht es herber, Kali-mäßiger Mittel, um den Menschen aus seinem Schlaf zu reissen. Und diese Mittel – symbolisert durch das gesammelte rote Blut der abgeschlagenen Köpfe und dem geschmiedeten Eisen der Schwerter, Speere und Chakrams – können nur von Menschen mit heldenhaftem Charakter mit Erfolg verwendet werden. Die Kombination aus Mut zur Liebe und zur Leidenschaft, dem Willen und der Fähigkeit zur Disziplin und Übung sowie der unumkehrbaren, totalen Hingabe an den Guru (ein Mann, eine Frau oder eine Gottheit) machen den Menschen geeignet für den linken Weg. Gewiss, größer könnte die Aufgabe nicht sein – größer aber auch kein Gewinn, keine Freude, keine Freiheit.

Links:

http://de.wikipedia.org/wiki/Tantra

http://www.kamakala.com/

http://www.yoga-vidya.de/tantra.html

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