Philosophie und Praxis des indischen Tantra

Plädoyer für die Praxis der Meditation

Was ist Meditation?

Ein Mönch fragte Zenmeister Chi-ch’en:“Wie finde ich den Weg zum Gipfel?“. Der Meister antwortete: „Du findest ihn, indem Du hinab steigst“

Dieses Zitat aus The Golden Age of Zen (Paragon Book Gallery, New York 1975) fasst nicht nur den praktischen Sinn der Meditation, sondern des gesamten Weges der tantrischen Einweihung punktgenau zusammen. Als spitzer Imperativ formuliert: „Komm runter.“

Meditation ist ein Zustand entspannter Aufmerksamkeit. Eine passive Aktivität, bei der Du lernst, den brausenden Strom der Gedanken zum Verstummen zu bringen. Warum solltest Du deine Gedanken zum Verstummen bringen? Weil Du nicht diese Gedanken bist.

Was sind Gedanken? Gedanken sind im Grunde nichts anderes als die mentalen Ausläufer eines gewaltigen Sturmtiefs, das sich aus den fossilen Elementen unserer archaischen Emotionen nährt. Meditation lehrt uns, den Störungen dieses unentwegt tobenden Sturms zu entkommen, indem wir uns in sein Zentrum begeben. Das Auge des Sturms, sein Zentrum, ist ein Ort der Stille, der Ruhe und der ungetrübten Sicht – und der Kraft.

Es ist ein langer Weg von den Ausläufern des Sturms, denen wir ständig im Alltag ausgesetzt sind, hin zum Zentrum des Geschehens, dort wo alles beginnt und alles endet. Doch schon die ersten Schritte können Dir einen Geschmack davon geben, wie laut deine innere und äußere Welt tatsächlich ist – und wie nah das Tor zu einem Ausweg aus dem Chaos ist.

Die in der Meditation angestrebte Gedankenstille bedeutet nicht das Ausschalten der bewussten mentalen Aktivität, wie etwa im Schlaf. Im Gegenteil, sie ermöglicht eine stärker zielgerichtete mentale Aktivität, indem sie den Geist von mentaler Verschmutzung befreit. Meditation zeigt und lehrt, welche mentalen Prozesse essentiell sind für wirkliche, ungefilterte Aufmerksamkeit.

Gedanken sind in der Tat wie Filter oder wie Wolken. Sie halten uns davon ab, bestimmte Dinge wahrzunehmen. Das ist ihre natürliche Funktion. Unser Gehirn entwickelt die Fähigkeit zu denken und Gedanken aneinander zu ketten, damit wir überlebensfähig sind und nicht überwältigt werden von all den Eindrücken, die ständig auf uns einprasseln. Doch wenn wir diese Filter willkürlich ausschalten wollen, stellen wir fest, wie sehr sie sich verselbständigt haben – und uns mehr bestimmen und leiten, als uns zumeist bewusst sein will.

Meditation: der Königsweg zu spiritueller Autonomie

Meditation ist die Beharrlichkeit des steten Tropfens, der jeden Stein aushöhlt. Deshalb werden in der Meditation die Gedanken auch nicht unterdrückt. Sie werden einfach ins Leere laufen gelassen. Indem Du die Gedanken loslässt und sie in die Leere treiben lässt, aus der sie hervor gekommen sind, bringst Du nach und nach die vielen Wellen, die dich hin und her treiben, zur Ruhe. Schließlich realisierst Du, dass Du selbst diese Wellen aufgerührt hast. An diesem Punkt beginnt die magische Dimension der Meditation: Du veränderst den zukünftigen Lauf der Dinge. Wie das?

Ein großer Teil deiner tantrisch-magischen Entwicklung besteht darin, den Müll der Vergangenheit aufzuarbeiten. Dieser Müll ist einer der Ursachen für das innere Chaos an wildwütenden Gedanken und Emotionen. Diesem alten Müll keinen neuen Müll hinzuzufügen ist deshalb ein wichtiger Schritt in jeder persönlichen Entwicklung. Tatsächlich ist dieser Wendepunkt ein Kennzeichen der Einweihung. Du wirst vielleicht schon poetischere und romantischere Beschreibungen für das Wesen der Einweihung gehört und gelesen haben als diese: das Ende der Produktion von geistigem, emotionalem und seelischem Müll.

Die Meditation ist der Königsweg zu diesem Zwischenziel – und darüber hinaus. Die Quelle aller Störungen ausfindig gemacht zu haben, gibt Dir die Möglichkeit, Einfluss auf diese Quelle zu nehmen. Um zu dieser Quelle zu gelangen, musst Du gegen den Strom schwimmen – oder ins Zentrum des Sturms vordringen, um die frühere Metapher zu erinnern. Es gibt kein Vorbei an dieser Herausforderung. Du hättest dich sicher nicht dem Tantra oder einer anderen spirituellen oder magischen Tradition zugewandt, wenn in deinem Inneren sich nicht dieser unbändige Wunsch erhoben hätte, diesem Herumgetrieben-Werden durch Ströme oder Stürme ein Ende zu bereiten.

Die Praxis der Meditation ist das sicherste und zuverlässigste Mittel, Dir diesen Wunsch zu erfüllen.

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