Philosophie und Praxis des indischen Tantra

Kashmir Shivaismus – die geistige Heimat des Kaula Tantra

Der Kashmir Shivaismus ist eine spirituelle Lehre und Philosophie, die die Kaula-Tradition des Tantra hervorgebracht hat. Als kaula wird im tantrischen Kontext ein Mensch bezeichnet, der Shiva (akula) und Shakti (kula) in sich vereint hat. Diese Vereinigung von reinem Bewusstsein, Shiva, und alles konstituierender Energie, Shakti, ist tief im Herzen des Kaula unverrückbar eingebrannt. Er trägt diesen Zustand des kaula bis zu seinem Lebensende in seinem Herzen und löst die Verbindung zu seinem leiblichen Körper im Augenblick des Todes willentlich mit dem letzten Ausatmen aus – und beendet so den ewigen Kreislauf unwillkürlicher Wiedergeburten. Er ist ein zu Lebzeiten Befreiter, ein jīvanmukti.

Trika – die nondualen Lehren des Kashmir Shivaismus

Kaula, kula und akula sind Worte aus dem Kula-System des Kashmir Shivaismus, jener bedeutenden Strömung des Shivaismus, der auch als Reine Trika – Philosophie bekannt ist. In der nondualen Trika-Lehre herrschen drei Energien oder Prinzipien vor – in der Welt wie im Leben des Menschen: para, das Höchste, apara, das Niedrigste und parapara, die Verbindung oder Vereinigung des Höchsten mit dem Niedrigsten. In diesen einfachen Worten offenbart sich im Grunde die gesamte Weisheit der Lehren des Kashmir Shivaismus, der große Einflüsse hatte auf die Entstehung und Gestaltung des Vajrayana, das Diamantfahrzeug des tibetisch-tantrischen Buddhismus. Sowohl die philosophische Lehre wie die Essenz der Praxis betreffend teilen Buddhismus und Kashmir Shivaismus viele Gemeinsamkeiten (Stichwort: anuttara-yoga) – und einige wichtige Unterschiede.

Die vier Systeme des Kashmir Shivaismus

In allen Systemen des Kashmir Shivaismus ist die sinnlich erfahrbare Welt keine Illusion, sondern Wirklichkeit. Auch die Erfahrung des Selbst ist keine Illusion. Welt und Selbst gelten beide als Ausdruck eines universellen Bewusstseins, dessen letzendliche Natur in der Gestalt und Idee des Shiva verkörpert wird. Diese der alltäglichen Welt zugewandte Haltung einer spirituellen Philosophie machte den Kashmir Shivaismus sowohl offen wie attraktiv für Frauen. Tatsächlich genießt die Frau im Kashmir Shivaismus eine Hochachtung, wie sie in vielen anderen Traditionen des Hinduismus schmerzlich vermisst wird. Viele bedeutende Lehrer des Kashmir Shivaismus waren Frauen, das Krama-System wird sogar auf eine Frau zurück geführt – und vor allem lehrt der Kashmir Shivaismus, dass Frauen auf diesem Weg besonders schnell voran schreiten und Befreiung erlangen können – schneller als Männer.

Der Kashmir Shivaismus kennt vier Ausformungen oder Systeme der Trika-Lehre: Pratabhijna, Krama, Spanda und Kula. Alle vier Systeme berufen sich auf die gleichen Schriften und teilen die gleiche Essenz der Lehre: die wahre Natur des Selbst ist universelles Bewusstsein, die individuelle „Seele“ ist letztlich ein Selbst-Ausdruck bzw. eine Widerspiegelung von Shiva.

Die 4 Schulen des Kashmir Shivaismus

Die 4 Schulen des Kashmir Shivaismus

Pratabhijna – die Lehre der unvermittelten Selbsterkenntnis

Das Wort pratabhijna bedeutet soviel wie „spontane Wiedererkennung des Selbst“. Im Pratabhijna-System des Kashmir Shivaismus gibt es keine Übung, keine Praxis, die Du vollziehen musst, um zur Selbsterkenntnis zu gelangen. Du musst einfach erkennen, wer Du bist.

Dies kann spontan geschehen, in jedem Moment und in jedem Zustand, egal ob erhaben (para), fein (sūkshma) oder grob (sthūla) – deine wahre Natur kann sich in jeder Situation vollständig offenbaren. Es findet auch keine Entwicklung statt, d.h. Du musst dich nicht von hier nach dort bewegen, um dein Selbst zu erkennen. Im Pratabhijna-System erklärt dir dein Meister / Guru, dass Du bereits göttlich bist, dass Du bereits dort bist, wo Du dich hin sehnst. Langsam staut sich in Dir die Erkenntnis an, bis sie sich in einem Moment verwirklicht: du bist göttlich, bist es immer gewesen.

Dieser Aspekt des bereits-verwirklicht-sein findet sich wieder in den Vajrayana-Lehren des tibetischen Buddhismus sowie im Zen-Buddhismus Japans, die jedoch noch Praxis lehren, um diese Erkenntnis zu erlangen und zu halten.

Vom Pratabhijna-System des Kashmir Shivaismus heisst es, dass es bereits zu Beginn des Kaliyuga gelehrt wurde, jedoch mit der Zeit hinter einem Schleier von Missverständnissen unkenntlich wurde, bis es im 8.Jahrhundert wieder in Kashsmir eingeführt wurde vom großen Weisen Somananda. 2 Schüler-Generationen später wurde auch Abhinavagupta, der große Gelehrte und Philosoph des Kashmir Shivaismus, in Pratabhijna unterwiesen.

Kula – Die Fülle ist überall

Das Kula-System lehrt, wie Du im universellen Bewusstsein verweilen kannst während Du aufsteigst und während Du absteigst. In dieser Lehre und Praxis lernst Du, wie Du deine wahre Natur erkennst, während Du dich vom Niedrigsten zum Höchsten erhebst ebenso wie wenn Du vom Höchsten ins Niederste absteigst. Mit anderen, etwas drastischeren Worten: Du verwirklichst deine wahre Natur ebenso beim Scheissen wie in den höchsten Gipfeln der Meditation, beim Abwaschen ebenso wie beim Kundalini-Yoga, beim grunzenden Orgasmus ebenso wie in der erhabensten geistigen Ekstase. Shiva ist im pritthivi-tattva ebenso verwirklicht wie im shiva-tattva. Du lernst, mit deiner wahren Natur in der Totalität des Seins zu leben.

Kula bedeutet auch „Totalität“. Diese Totalität ist unbedingt. In ihr existieren Erkenntnis und Unwissenheit nebeneinander und bedingen einander. Das Kula-System ist ein anspruchsvolles, ob seiner Einfachheit. Du musst einfach lernen, die Gesamtheit alles Seienden in jedem noch so kleinem Partikel zu erkennen.

Was hier, ist irgendwo; was nicht hier ist, ist nirgendwo

Kaula-Tantras bestehen daher darauf, dass Du vom Niedersten bis zum Höchsten mit deiner manifestierten Existenz intim vertraut wirst und keine unterscheidende Wertung mehr zwischen einem Teil und einem anderen Teil deines Seins machst. Aus genau diesem Grunde waren die Kaula-Lehren auch allen Menschen unabhängig von ihrer Kastenzugehörigkeit offen. Und aus selbigem Grund verzehrten die Kaulas in explizit sexuellen Riten auch die vermischten Sexualsekrete von Frau und Mann, Menstruationsblut, Vaginalsäfte und Samen, die zusammen das yoni tattva ergeben, das im Yoni Tantra als das höchste aller Tattvas gepriesen wird. Dass die Lehren der Kaulas entsprechende Ablehnung und Anfeindung von orthodoxen Hindus erfuhren ist daher keine wirkliche Überraschung.

In Kashmir eingeführt wurde das Kula-System ursprünglich im 5. Jahrhundert, ging aber im Laufe der Jahrhunderte wieder verloren. Im 9. Jh. schließlich wurde es wieder erneuert und eingeführt von Sumatinatha. Dessen Schüler Somanath war der Lehrer von Abhinavagupta, dem wir einen Großteil der schriftlichen Überlieferungen verdanken.

Krama – der Stufen-Weg der Verwirklichung

Das Krama-System des Kashmir Shivaismus lehrt – im Gegensatz zu Pratabhijna und Kula – eine stufenweise Entwicklung der Selbsterkenntnis und -Verwirklichung. Im Krama-System lernt der Schüler, mit der prana Kundalini zu arbeiten. Die prana kundalini steigt langsam auf, von Chakra zu Chakra, und du lernst, dich behutsam von Zustand zu Zustand zu entwickeln.

Diese stufenweise Entwicklung und der langsame Aufstieg der prana Kundalini vollziehen sich in Raum und Zeit. Das unterscheidet Krama vom Pratabhijna- und Kula-System, die beide jenseits von Raum und Zeit „operieren“ und vielmehr von der Erfahrung der cit-Kundalini (Praxis des Anuttara-Yoga) geprägt sind.

Krama ist – genauso wie Kula – ein vor allem praktisches System, d.h. im Zentrum steht die durch Praxis gewonnene Erfahrung. Mit dem Buddhismus teilt Krama die Vorstellung, dass alles „Leere“ (sunyata) ist, jedoch deutet es diese Erfahrung als durchweg positiv und nährend. Ein weiteres Merkmal dieses Systems des Kashmir Shivaismus ist die Vielzahl von bekannten Frauen als Lehrerinnen. Die bekanntesten Namen sind Mangala Devi, Keyuravati, Madanika und Kalyanika. Letztere drei waren die einzigen, die der große Weise Sivanandanatha als Schüler akzeptierte.

Spanda – Alles ist in und durch Schwingung

Das Spanda-System des Kashmir Shivaismus befasst sich mit dem dynamischen Aspekt alles Seienden. Spanda meint wörtlich klopfen, pochen und lehrt, dass alles, was existiert, in Bewegung ist. Wo Bewegung ist, ist Leben. Wo keine Bewegung ist, da ist kein Leben. Alles Seiende geht letztlich aus der dynamischen Schwingung des Göttlichen hervor.

So wie das Höchste, Shiva, in dynamisch-schöpferischer Bewegung ist, so ist auch das Selbst nicht bloß ein passiver Zeuge allen Geschehens, sondern ein aktiver Teilnehmer und Mitschöpfer aller wahrgenommen, inneren wie äußeren, Wirklichkeit. Nur wer mit der aktiven Natur des Selbst vereint ist, so lehrt Spanda, kann die höchsten Zustände verwirklichen.

Das Spanda-System wurde zu Beginn des 8. Jahrhunderts in Kashmir eingeführt von dem Weisen Vasuguptanatha. Auf ihn gehen sowohl Siva Sutras als auch die Spanda Karikas zurück, zentrale Texte des Kashmir Shivaismus. Die praktische Seite von Spanda wird im Vijnana-Bhairava-Tantra erläutert, ein Text, der u.a. von fragwürdigen Figuren wie Bhagwan Shree Rajnesh (Osho) wie vertrauenswürdigen Autoren wie Daniel Odier zur Erläuterung ihrer Lehren angeführt wurde.

Linkempfehlungen

http://www.amazon.com/Triadic-Heart-Siva-Tantricism-Abhinavagupta

Die Kundalini im Kashmirischen Tantra von Daniel Odier

http://books.google.de/Kashmir Shivaism

http://de.wikipedia.org/wiki/Kaschmirischer_Shivaismus

So bleiben wir in Kontakt:

Newsletter

Durch das Fortsetzen der Benutzung dieser Seite, stimmst du der Benutzung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen", um Ihnen das beste Surferlebnis möglich zu geben. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen zu verwenden fortzufahren, oder klicken Sie auf "Akzeptieren" unten, dann erklären Sie sich mit diesen.

Schließen