Philosophie und Praxis des indischen Tantra

Kali – Unsere liebe Sensenfrau, Herrin der Zeit und der Macht

Die indische Göttin Kali ( in der Schreibweise Kālī ) ist die Schutz- und Leitherrin dieser Website – und die unvermeidliche Initiatrix in die Erfahrung der Shakti-Energie, die am Anfang jeder persönlichen Erfahrung des Tantra-Weges steht. Sie zerschneidet die feinen und festen Gespinste der Unwissenheit und Verwirrung. Die Vision und Erfahrung der Kali sind für den Unwissenden zuerst schrecklich, und nach ihrer Assimilation der Inbegriff von Schutz und Schönheit.
Ein Tantra auf dem linken Pfad ohne Kali ist undenkbar.

Kali – Herrin der Zeit und ihre Gestalt

DIe Göttin Kali

Göttin Kali

Kali leitet sich ab aus Kālā, einem wichtigen Namen Shivas, und meint schwarz, Zeit, Tod, Herr des Todes. Kali wird also verstanden als die Schwarze oder als Herrin des Todes (die Zeit ist gekommen) und entsprechend wenig heimelig wird sie dargestellt. Ihre Gestalt erscheint in der Regel in schwarzer oder nachtblauer Hautfarbe; in der rechten oberen Hand hält sie ein bluttriefendes Schwert in Säbel- oder Sichelform; in der linkeren oberen Hand einen abgeschnittenen Kopf, dessen ausfließendes Blut sie in einer Schale sammelt, die sie in der  unteren linken Hand hält. Mit der rechten unteren Hand macht sie das Varada Mudra, das Befreiung und alle möglichen Arten von Segen verspricht für jene, die sich ihr anvertrauen.

Mythische Urspünge

Die Göttin Kali wurde von Durga aus ihrer Stirn hervorgebracht als kraftvolle Verkörperung des Zorns, um ihr im Kampf gegen die Asura beizustehen. Der ganze Mythenkomplex ist sehr weitschweifig, aber er gibt ein hervorragend klares Bild von der eigentlichen Natur der Shakti als antreibende und lebenserhaltende Energie des Universums. Die Götter, die nichts mehr gegen die Asura ausrichten konnten, wandten sich in ihrer Not und Verzweiflung an die Tochter der Himalayas, Durga. Sie emanierten all ihre göttlichen Energien als gewaltige Ströme aus Feuer, aus denen schließlich Durga, die Große Göttin, auftauchte und sich manifestierte. Und aus dieser Hochkonzentration von göttlicher Power extrahierte Durga den kraftvollen Zorn in Form der Kali. Wow. Mit ihr sollte man sich also besser nicht anlegen, was auch die Asura erfahren mussten.

Kali – der Kampf gegen die Ignoranz

Welches sind diese dämonischen Kräfte, gegen die die Macht der Kali Speere werfend, Säbel schwingend, Chakrams kreisend bis zur totalen Vernichtung antritt? Es sind die Kräfte, die uns an die Unwissenheit binden, unsere gepflegte Ignoranz, das Nicht-Erkennen-Wollen und das Nicht-Erkennen-Können. Was sollen wir erkennen? Dass wir Sklavengeschöpfe unserer Vorstellungskraft sind, dass  unsere Existenz einen Anfang und ein Ende hat, dass wir sterblich sind, dass unser Ego keine Substanz und keinen Bestand hat, dass wir Narren sind, die alles tun, wirklich alles, egal wie dumm und schrecklich, nur um nicht zu erkennen. Kali hat keinen Sinn für lange Diskussionen: sie offenbart uns die Grundlage unserer Existenz: unsere Nicht-Existenz. Sie offenbart uns die Essenz unserer dualen, in Polaritäten in Erscheinung tretenden Welt: nonduales Bewusstsein. Göttin Kali nimmt den Säbel und haut mit einem Schnitt unseren Kopf als Sinnbild unseres Ego-Fetisch ab, sammelt dessen Blut und trinkt es. Sie hat es gegeben, sie nimmt es wieder.

Auf den Scheiterhaufen unserer Illusionen tanzt sie den kosmischen Tanz des Entstehens und Vergehens.

Tanze! Tanze! Tanze den Totentanz der Wirklichkeiten!
Lasse sich verzehren, was den Status der Bedingtheit nicht ertragen kann.
Nähre das Feuer mit dem Trockenholz der Glaubensbäume.
Und tanze!
Tanze um den Flammenturm den Totentanz der Lebenden.

Sie ist Mutter Kali, die das Universum erzeugt und es wieder verzehrt. Sie ist Mutter Kali, die Leben gebiert und es als Herrin des Todes wieder nimmt. Sie ist Anfang und Ende aller Dinge.

Die Göttin im Kali-Yuga

Dakshina Kali

Kali auf Shiva, tanzend

Die Energie der Kali ist auch die einzige, die den Menschen aus seiner tiefen Verstrickheit und Verblendung befreien kann im gegenwärtigen Zeitalter des kali-yuga. Der Begriff kali-yuga, bezieht sich nicht auf die Göttin Kali, sondern auf „kali“, eine vedische als Dämon betrachtete Gottheit, die mit Dekadenz, Spielsucht und Betrug und dem schlechtestem Wurf im Würfelspiel assoziiert wird.
Ob wir uns mitten im Kali-Yuga befinden oder nicht, wird von verschiedenen Autoren unterschiedlich beurteilt. Man sollte aber das devolutionistische Konzept der Yugas verstanden haben, um diese Beurteilungen besser einschätzen zu können. An dieser Stelle soll es genügen, ein paar Charakteristika des Kali-yuga zu zitieren aus dem Vishnu-Purana (zwischen dem 5. – 10. Jh. n. Chr.):

„Die Führer dieses Zeitalters… werden sich der Güter ihrer Untertanen bemächtigen. Da sie ohne echte Macht (shakti) sind, werden die meisten rasch aufsteigen und ebenso rasch wieder abstürzen. Kurz wird ihr Leben sein, unersättlich ihre Begierden, und gnadenlos werden sie selbst sein. Die Völker der anderen Länder werden sich mit ihnen vermischen und ihrem Beispiel folgen.

Die vorherrschende Kaste wird die der Knechte sein. … Die Besitzenden werden Ackerbau und Handel aufgeben und davon leben, dass sie zu Knechten werden oder mechaniche Berufe ausüben.

Die Gesundheit und das Gesetz des Svadharma ( der eigenen wahren Natur zu folgen) werden von Tag zu Tag mehr geschmälert werden, bis die Welt vollkommen verdorben sein wird. Nur das Vermögen wird den Rang bestimmen. Die körperliche Gesundheit wird der einzige Beweggrund für Hingabe sein, die Lust das einzige Bindeglied zwischen den Geschlechtern, die Falschheit der einzige Erfolgsweg im Wettstreit.

Die Erde wird nur wegen iher mineralischen Schätze als wertvoll erachtet.

Eine einfache Waschung wird schon Reinigung und Läuterung bedeuten.

Die Ehen in diesem Zeitalter werden aufhören, ein Ritus zu sein, und die Gesetze, die einen Schüler an einen geistigen Meister binden, werden keine Kraft mehr haben. Man wird glauben, dass jedermann auf jedem Weg den Zustand des Wiedergeborenen wird erreichen können.

Die Lebensweise wird für alle unterschiedslos die gleiche sein.

Wer am meisten Geld verteilt, wird die Menschen beherrschen.

Die Menschen werden ihr gesamtes Interesse der Erlangung – auch auf unehrlichem Wege – von Reichtum zuwenden.

Das Volk wird mehr denn je Angst vor dem Tode haben und die Armut fürchten

Den Lehren zufolge sind die Menschen im kali-yuga völlig im Zustand der Verblendung verfangen, da sie der durch die Sinne erfahrenen Welt anhaften und von dieser in ihren Handlungen gesteuert werden. Göttin Kali durchschneidet diese Ketten der Anhaftung mit ihrem Schwert mit einem Hieb. Der so gesegnete Mensch erkennt die Haltlosigkeit seiner bisherigen Existenz und öffnet sich, seine Existenz wieder neu und in ihrer Totalität zu erfahren.

Mutter Kali

Dies ist der Schrecken der Kali – dies ist der Segen der Kali: durch Vernichtung erhebt sie. Wie absurd ist der Gedanke, dass wirkliche Befreiung verwirklicht werden kann ohne die Erfahrung der totalen Vernichtung. Glück steigt auf wie der feine Rauch des Kampfer, der in den Ruinen deiner „Persönlichkeit“ auf der Glut deines tiefen Verlangens verglüht.

Wer es wagt, auch die Mühsal zu lieben
und die Gestalt des Todes zu umarmen:
der tanzt den Zerstörungs-Tanz,
zu dem kommt die Mutter.

Swami Vivekananda

Jai Kali Maa – Ong Kring Hung Hring Shring

Links:

http://www.dakshineswarkalitemple.org/

Video mit machtvollem Kali-Chant, das auch den Kampf gegen die Asuras zeigt

http://festivals.igiftstoindia.com/goddesses/kali.html

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