Philosophie und Praxis des indischen Tantra

Die 5 Zustände des Bewusstseins – jagrat, svapna, sushupti, turiya und turiyatita

Eine spirituelle Kultur, die sich so intensiv mit der Natur des Bewusstseins beschäftigt wie die tantrische, widmet selbstverständlich große Aufmerksamkeit den verschiedenen Zuständen des Bewusstseins, die jeder von uns täglich erfährt: Wachsein, Träumen, tiefer Schlaf, et cetera. Während Menschen ohne spirituelle Praxis sagen würden, dass es nur diese drei Zustände des Bewusstseins gibt, würden Yogis, Magier und Meditierende, die tiefe Bewusstseinszustände in der Meditation erfahren haben, sagen, es gäbe vier untschiedliche Bewusstseinszustände. Das nonduale Saiva Tantra hingegen postuliert fünf grundlegende Zustände oder Phasen des Bewusstseins:

  • Jagrat – Wachzustand
  • Svapna – Träumen
  • Sushupta – Tiefschlaf
  • Turiya – der vierte oder transzendentale Zustand
  • Turiyatita – jenseits des vierten Zustands

turiyatitaJagrat: der Wachzustand

Der gewöhnliche Wachzustand ist jener Zustand, in welchem wir dazu neigen uns selbst hauptsächlich im Kontext des physischen Körpers wahrzunehmen. In diesem Zustand sind wir gefangen von oder sogar verloren in den Objekten unserer Wahrnehmung und nehmen sie hauptsächlich in Begriffen gegenseitiger Anziehung wahr und durch die Linse unserer jeweiligen Vorlieben und Neigungen. Obwohl wir dies „Wachzustand“ nennen, um ihn zu unterscheiden von Schlaf und Traumzustand, ist dieser Zustand von der spirituellen Perspektive aus gesehen der am wenigsten wache aller Zustände. In diesem Zustand ist ein Mensch sich seiner eigenen subjektiven Natur vollkommen unbewusst, und er fragt sich niemals wer er wirklich ist. Wann immer er ein Objekt wahrnimmt, identifiziert er sich augenblicklich damit und vergisst sich selbst vollständig als den Wahrnehmenden. Daher wird dieser Zustand auch „der unerwachte Zustand“ genannt, denn die meisten Menschen bewegen sich durch ihr Leben als lebten sie (in) einem Traum.

Innerhalb des Wachzustandes erfahren wir auch die anderen Zustände, denn die ersten vier Zustände durchdringen sich alle gegenseitig. Träumen-im-Wachzustand ist der Zustand, den wir Tagträume nennen können, oder Fantasien, in welchen wir uns verlieren in unseren mentalen Bilderströmen und fast vollständig unbewusst sind gegenüber unserer physischen Umgebung. Tiefschlaf-im-Wachzustand ist ein Augenblick vollständigen Heraustretens, ein spontaner gedankenfreier Zustand, in dem wir“ Leere“ erfahren. Man kann es recht häufig bei manchen Kindern und Teenagern beobachten. Es ist ein Zustand von „Einheits-Bewusstsein“, doch einem, in dem wir uns dessen nicht bewusst sind. Der vierte Zustand im Wachzustand ist ein Augenblick spontaner Meditation, ein gedankenfreier Zustand, in welchem die Selbst-Bewusstheit vorherrschend ist, auch wenn wir die äußere Welt noch wahrnehmen. Auch wenn wir in der Wahrnehmung der äußeren Welt begriffen sind: diesen Zustand nennt Abhinava Gupta „wahres Wachsein“.

Svapna: Schlaf-/Traum-Zustand

Im Traumzustand treten wir ein in den feinstofflichen Körper (manchmal auch der Energiekörper genannt, der sich zusammensetzt aus prana, den feinen Elementen und den mentalen Funktionen). In diesem Zustand schweifen wir durch die Bilderwelten unserer Vorstellungskraft, deren Kapazitäten und Grenzen wir austesten. Wir erleben in diesem Zustand des svapna eine Einheit-in-Vielfalt (bhedabeda), denn all die unterschiedlichen Elemente des Traumzustands sind vereinigt durch die Tatsache, dass sie verschiedene Aspekte eines Geistes sind. Die Traumwelt ist kein Produkt rein zufälliger Gehirnaktivitäten, sondern kann uns viel verraten über unsere unbewusste Welt. Daher besteht hier die Möglichkeit für effizientes Traum-Yoga. Durch die Methoden des Traum-Yoga können wir innere Veränderungen bewirken, unsere Vergangenheit umschreiben und neue Einsichten gewinnen.

Wachsein-im-Traum, auch bekannt als luzides Träumen, ist ein wichtiger Bestandteil des Traum-Yoga; um bewusste Entscheidungen in der Traumwelt machen zu können, musst du lernen aufzuwachen und zu realisieren, dass du am träumen bist/warst. Anderenfalls wird Wachheit im Traum einfach zufällig auftauchen und wieder verschwinden. Manche Menschen machen niemals diese Erfahrung, doch wenn du sie gemacht hast, kannst du sie entwickeln. Träumen-im-Traumzustand ist der ganz gewöhnliche Zustand des Träumens, in welchen die Bewusstheit abgeschaltet ist und Selbstreflexion sehr schwierig. Vom Tiefschlaf-im-Traumzustand heißt es, er sei ein Zustand in dem die Selbst-Bewusstheit im Traum größer geworden ist. Der vierte Zustand im Traumzustand ist der wichtigste: konzentrierte Bewusstheit während des Träumens. Es heißt, dass wenn du lernst im Traumzustand zu meditieren, dies schnellere Früchte trägt als die Praxis der Meditation im Wachzustand (So sprach auch einst Don Juan zu seinem Carlos. :))

Sushupti: der Tiefschlaf-Zustand

Im Tiefschlaf sind wir eingetaucht in reine Subjektivität, doch ohne Selbst-Bewusstheit. Jede Nacht einzutreten in diesen Zustand ist notwendig für unsere geistige und physische Gesundheit. Denn in diesem Zustand sind wir vorübergehend frei von unseren Gedanken-Ketten und unbewussten Eindrücken, welche beide sehr von unseren Systemen zehren. Vom logischen Standpunkt aus erklärt sich die erfrischende und wiederbelebende Natur des Tiefschlaf-Zustandes aus seiner großen Nähe zur reinen Subjektivität, dem innersten Selbst. Der Mensch kann nicht lange überleben ohne Tiefschlaf oder Meditation.

turiyatita - Durchdringung von Transzendenz und WeltWachsein-im-Tiefschlaf ist ein Zustand, in welchem jene Spuren von Bewusstheit auftauchen, durch welche wir uns erinnern, dass wir geschlafen haben, wenn wir aufwachen. Träumen-im-Tiefschlaf ist ein ausgedehnter Zustand, in welchem wir unbewusst sind und dennoch Eindrücke von aussen empfangen: in diesem Zustand zum Beispiel befinden sich auch manche Menschen während eines Komas. Obwohl unbewusst, können sie Eindrücke aufnehmen und sich an diese erinnern, wenn sie wieder aus dem Koma erwachen. Im Gegensatz dazu ist man sich im friedvollen Zustand des Tiefschlafs-im-Tiefschlaf rein gar nichts bewusst und hat beim Aufwachen keinerlei Vorstellung davon, wie viel Zeit vergangen ist – doch man wacht tief erfrischt und erholt aus dem Schlaf auf. Der vierte Zustand im Tiefschlaf ist ein sehr seltener Zustand, in welchem man sich bewusst wird über die absolute Leere der reinen Subjektivität während der Schlafphase und spontan beginnt, in diesem Zustand zu meditieren.

Turya: der vierte oder transzendentale Zustand

Der transzendentale Zustand der Meditation, auch samadhi genannt, erlaubt den Zugang zum Zustand totaler Subjektivität, der Leere reinen Bewusstseins – die üblichen Objekte der Bewusstheit (einschließlich Gedanken) sind abwesend, die Sinne sind zur Ruhe gebracht, und die unterschwelligen Wahrnehmungen und Empfindungen sind vorübergehend unterdrückt. Einfach ausgedrückt: es ist ein Zustand, in welchen man den Zustand des Tiefschlafs erfährt während man vollkommen wach und bewusst ist. Auf andere Weise ausgedrückt: es ist nonduale Bewusstheit reiner Subjektivität oder „Ich-heit“, auf der Ebene des individuellen Selbst (purusha , atman) und nicht der Ebene des allumfassenden universellen Selbst.

„Samadhi“ meint sinngemäß Absorption (wörtlich etwa: „Vereinigung (sam) mit dem Herrn (adhi)“). Im klassischen Yoga ist die gebräuchlichste Methode, um samadhi zu erreichen, den Geist zu beruhigen durch einpunktiges Fokussieren auf ein gewähltes Objekt, bis der Geist mit diesem Objekt in der Meditation verschmilzt und so aufgelöst wird. In diesem Zustand scheint alleine das Objekt weiter fort, überflutet und aufgeladen von Bewusstsein, doch frei von jeder Assoziation und Interpretation. Mit fortschreitender Erfahrung in diesen Techniken lernt man auch, in diesen Zustand ohne ein Meditationsobjekt einzutauchen.

Für viele indische und asiatische spirituelle Traditionen stellt turiya den höchsten Zustand dar. Sie betrachten es als den einzigen Zustand, der unbehelligt bleibt von den chaotischen und eingeschränkten Manifestationen der Welt. Diese Denk-Schulen betrachten Transzendenz als ihr höchstes Ziel. Doch die Tradition des „höchsten Nondualismus“ des Saiva Tantra (paramadvaya) lehrt, dass wir im fleckenlosen klaren Licht des Bewusstseins sogar mitten in unseren weltlichen Aktivitäten existieren können. Dieser Zustand ist bekannt als:

Turiyatita: jenseits des vierten Zustands

Wie auch alle anderen Konzepte des Saiva Tantra stellt der höchste Zustand nicht die Spitze einer Hierarchie dar, und wird daher auch nicht der „fünfte Zustand“ genannt. Turiyatita kann man am besten beschreiben als das vollständige Durchdringen der ersten drei Zustände durch den vierten Zustand. Es bringt die grundlegende „Bewegung“ des sich selbst befreienden autonomen Bewusstseins zum Ausdruck: Transzendenz, der eine Durchdringung des Weltlichen durch das Transzendente folgt. Es ist also auch ein anderer Name für die endgültige Befreiung und das vollständige Erwachen.

Mit anderen Worten: die nondualen Tantriker behaupten, dass es möglich sei, das höchste Licht des Göttlichen zu erfahren während wir in weltliche Aktivitäten involviert sind, und sogar inmitten all unserer Stimmungen und verschiedenen Geisteszustände. Um es noch genauer auszudrücken: in diesem Zustand erfahren wir das Licht des Bewusstseins nicht trotz unserer Stimmungen oder mentalen Verfassungen oder Aktivitäten  – sondern als deren eigentliche Substanz. Die erfolgreiche Verwirklichung dieses Zustandes ist turiyatita, die Befreiung jenseits des Transzendentalen.

In den Aphorismen über das Wiedererkennen des Herrn heisst es:

Jemand, dessen Selbst das Universum ist, vollständig wissend dass „all dies meine eigene Ausdehnung ist“ – der erfährt den göttlichen Zustand auch und sogar im Fluss der unterschiedlichsten Wahrnehmungen und Erkenntnisse.

Wieder einmal wird klar: die letzte Wirklichkeit ist gleichzeitig transzendent und immanent, sie konstituiert die eigentliche Substanz unserer Erfahrung in jedem Augenblick und gleichzeitig unbeschreiblich mehr als das: den zeitlosen Grund, auf und aus dem sich Alles entfaltet.

So bleiben wir in Kontakt:

Newsletter

Durch das Fortsetzen der Benutzung dieser Seite, stimmst du der Benutzung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen", um Ihnen das beste Surferlebnis möglich zu geben. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen zu verwenden fortzufahren, oder klicken Sie auf "Akzeptieren" unten, dann erklären Sie sich mit diesen.

Schließen