Philosophie und Praxis des indischen Tantra

Identität – wie entsteht unser Ich-Bewusstsein?

Wie entsteht unsere Identität?

Es existieren Hunderte, wenn nicht Tausende Bücher, die verschiedene Konzepte ausbreiten darüber, wie unsere persönliche Identität entsteht und beschaffen ist. Es mag als großes Defizit erscheinen, wenn wir auf alle diese Konzepte verzichten. Dennoch ist es möglich, zu einer Handvoll Aussagen über die Natur unseres Selbst und unseres Bewusstseins zu gelangen, die von (fast) jedem Leser geteilt werden können.

1. Es gibt keine unpersönliche, objektive Wahrnehmung der Welt.

Unsere Identität entwickeln wir ausschließlich aus subjektiven Erfahrungen. Vergegenwärtige Dir folgende Situation: Du besuchst nach langer Zeit wieder das Zuhause deiner Kindheit, das Haus, in dem Du aufgewachsen bist, in Begleitung eines Freundes. Beide werdet ihr das gleiche Haus sehen, doch in Dir werden private und intime Erinnerungen aufsteigen, die deine Gedanken, Gefühle und Wahrnehmung des Hauses unweigerlich dominieren. Für dich ist es nicht nur ein Haus, sondern Hort unvergesslicher Erfahrungen, guter wie schlechter, und Tausend Geschichten sind mit diesem Haus verknüpft. Für deinen Begleiter jedoch ist es nur ein weiteres Haus. In Dir laufen beim puren Anblick des Hauses ganz andere physiologische Prozesse ab als bei deinem Begleiter. Unsere persönliche Erfahrung bestimmt die Natur unserer Wahrnehmung und Identität.

2. Jede Identität definiert sich gegenüber einem inneren oder äußeren Objekt.

Du kannst Dir diese Tatsache auf sehr einfache Weise jetzt bewusst machen. Schließe sanft die Augen und bewege deinen rechten Zeigefinger auf deinen linken Zeigefinger zu und ertaste dessen Oberfläche, indem Du den rechten Zeigefinger über den unbewegten linken Zeigefinger bewegst. Unweigerlich entsteht die Wahrnehmung einer Gestalt, einer Form; dein Wahrnehmungsapparat identifiziert unwillkürlich den linken Zeigefinger als Objekt und weist ihm sogar eine ziemlich klare Position im Raum zu. Zur gleichen Zeit verringert sich der Objektcharakter deines rechten Zeigefingers, dessen Haut weniger sensitiv zu sein scheint. Die aktive Rolle des rechten Zeigefingers verwandelt ihn nicht in eine wahrnehmbare Gestalt, sondern in eine gestaltlose Wahrnehmung des Berührungsprozesses. Jetzt wechsle die Rolle der beiden Finger: der linke Zeigefinger ertastet und reibt die Haut des rechten Zeigefingers. Nun wird der rechte Zeigefinger zu einer wahrgenommenen Gestalt und der linke Zeigefinger „verliert“ seine klare Form. Mit den Rollen haben sich auch die Funktionen vertauscht.

Was zeigt Dir diese kleine Wahrnehmungsübung? Sie zeigt, dass dein Gehirn jeweils eine Entscheidung fällt darüber, welcher Finger die Funktion eines Objektes ausübt. Der aktive Finger ist eine Funktion des wahrnehmenden Ich (die agierende Identität), der andere Finger wird wahrgenommen als unpersönliches Objekt, obwohl es dein eigener Finger ist. Unser Gehirn funktioniert so, dass der Prozess der Wahrnehmung ein Objekt der Wahrnehmung erfordert.

3. Die Entwicklung unserer Identität basiert auf den natürlichen Entwicklungsprozessen des Gehirns.

Jedes ausgewachsene Individuum beherbergt ein immenses Arsenal komplex miteinander verflochtener Netzwerke, die unsere Sinneserfahrungen, unser Gefühlsleben, unser Denken, Wissen und Handeln, unsere Erinnerungen an Vergangenes und unsere Projektionen von Zukünftigem durch physikalische und bio-chemische Prozesse verarbeiten und generieren. Diese komplexen neuronalen Netzwerke sind das Ergebnis eines langwierigen Entwicklungsprozesses während unserer Adoleszenz – und, wie wir heute wissen, nicht unbedingt abgeschlossen.

Die neuronalen Netze entwickeln sich schon im Fötus, langsam und in einer genetisch festgelegten Abfolge einzelner Schritte. Zuerst faltet sich die hintere Region des Kortex, die für visuelle Wahrnehmung zuständig ist. Daher sind es auch die Nervenverbindungen, die zum Visuellen Kortex führen, die als erste die wichtigen Schutzschichten aus Fetten ausbilden (im Alter von ca. drei Monaten). Erst ab dem achten Monat reift die Gehirnmasse auch in der zentralen Region zwischen den seitlichen und den Stirnlappen. Ab dem zwölften Monat entwickelt sich die schützende Myelin-Schicht auch in der Gehirnmasse der Schläfenlappen. Doch es braucht 18 Monate Entwicklungszeit des Neugeborenen, bis all unsere Gehirnlappen auf subkortikaler Ebene miteinander verbunden sind. Erst jetzt sind wir zur grundsätzlichen Unterscheidung zwischen „ich“ und „du“ fähig.

Und wir machen sofort exzessiven Gebrauch davon. Der Schnuller ist jetzt definitiv „mein“ Schnuller. Die Heftigkeit, mit der jedes Kleinkind seinen Besitz beansprucht, ist unmissverständlich. Ich- und Besitzdenken sind unmittelbar miteinander verknüpft – und in dieser Lebensphase äußerst rigide. Doch die Ich-Empfindung ist noch äußerst rudimentär und daher sehr unsicher. Deshalb reagiert das Kleinkind auch widerspenstig und ablehnend auf jede von ihm verlangte Veränderung seines Verhaltens, wie z.B. auf zwei Beinen zu stehen oder sogar zu gehen.

Zwischen dem 15. und 24. Monat entwickeln wir erste Formen des Selbstbewusstseins. Wir erkennen unser Spiegelbild als Abbild unser selbst. Die „Ich“-Erfahrung wird konkreter und manifestiert sich schließlich auch in der Sprachentwicklung: „mein“, „mir/mich“, „ich“ und „du“. Ab dem zweiten Lebensjahr projizieren wir unsere Identität nach außen. Wenn die Mutter leidet, leiden wir mit ihr und unser Bedürfnis, sie zu trösten ist unser Bedürfnis, unsere Identität zu wahren, denn diese ist noch immer abhängig von Bestätigung und Wiederbelebung durch die äußere Welt.

Eine dauerhafte Identität, also das Bewusstsein eines individuellen Selbst, das fortdauernd existiert, entwickeln wir zwischen dem sechsten und neunten Lebensjahr. Erst am Ende unserer ersten Lebensdekade sind die Nervenverbindungen unseres Gehirns ausreichend von schützenden und stabilisierenden Myelin-Schichten umhüllt und verbinden nun (über die sogenannte „weiße Brücke“ des corpus callosum) die verbalen und nonverbalen Kapazitäten der beiden Gehirnhälften.

Dieser kurze Abriss der Entwicklung unseres Gehirns und unserer Identität zeigt, dass unser „Ich“ auf biologischen, d.h. materiellen Fundamenten ruht, und das führt uns zur Feststellung: der (kurz- oder langfristigen) Veränderung unserer Identität geht eine Veränderung ihrer materiellen, biochemischen Grundlagen voraus. In der modernen Magie hat sich der Begriff der Gnosis (eine zeitlich begrenzte Trance) eingebürgert, um eine kurzfristige Veränderung unserer Identität zu bezeichnen, während der magische Akte ausgeführt und formulierte Wünsche am „Zensor unseres Ich“ vorbei geschleust werden können. Eine langfristige Veränderung unserer Identität (und damit unseres Gehirns) wird dagegen meist mit Begriffen wie Erwachen, Erleuchtung, Befreiung (moksha) in Verbindung gebracht. Der Unterschied zwischen diesen Veränderungsprozessen liegt also in der Dauer, in der sie eine Identitäts- oder Bewusstseinsveränderung bewirken.

Aus diesen drei Aussagen lassen sich die drei Hauptbestandteile oder Schichten unserer persönlichen Identität formulieren:

Ich: Physische Existenz; Fühlen; bewusst sein; handeln; wissen.

Mir/Mich: alle Dinge, physisch wie geistig, passieren mir; die anderen meinen mich.

Mein: die erlebten Gedanken, Gefühle, Körperteile sind mein, sie gehören mir; auch mein Besitz, meine Dinge sind mein; „Mein“ ist die Achse, um die sich die Welt dreht.

Es ist wichtig zu sehen und zu verstehen, dass diese drei Aspekte ständig nach Bestätigung suchen. Denn Bestätigung fühlt sich „gut“ an. Es fühlt sich gut an, wenn die Leute mich toll finden und mir Applaus zollen, wenn mein Besitz sich mehrt, wenn ich erkannt und gelobt werde.

Das Problem ist: Veränderungen lassen sich nur bewirken, wenn diese drei Schichten kurz- oder langfristig inaktiv oder umgangen werden können. Das fühlt sich nicht immer „gut“ an.

Die Bereitschaft, die Selbsterfahrung kurz- oder langfristig auf andere als diese drei etablierten Pfeiler unserer Identität zu bauen, ist unumgänglich, wenn Du Tantra praktizieren und erfahren willst. Diese Bereitschaft kann aber geübt, entwickelt und gesteigert werden – und muss es auch. Dass die Erde nicht das Zentrum des Universums ist, ist eine 500 Jahre alte Lektion des Kopernikus, die große Teile der Menschheit mittlerweile gelernt (wenn auch nicht unbedingt verinnerlicht) haben. Dass dein Ich-Mir-Mein – Komplex nicht das Zentrum der Welt ist, ist eine viel schwieriger zu lernende Lektion.

Wir haben auch gesehen (bzw. habe ich es kurz angedeutet), dass unsere Ich-Erfahrung / Identität eine Folge neuronaler Prozesse ist. Das kurz- oder langfristige Umgehen der herkömmlichen, gewohnheitsmäßigen Ich-Erfahrung bedarf also einer Veränderung der ihr zu Grunde liegenden neuronalen Vorgänge. Womit wir bei der praktischen Frage angekommen wären: wie führe ich aktiv eine vorübergehende oder anhaltende „Bewusstseinsveränderung“ aka Gnosis oder Moksha herbei?

Welcome to the world of Kaula!

Links:

http://www.fr-online.de/wissenschaft/meditation-sanfter-umbau-des–gehirns,1472788,5024844.html

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