Philosophie und Praxis des indischen Tantra

5 Schichten des Selbst: deha – der physische Körper

Die nächste Schicht ist die des Körpers, deha. Wenn wir uns mit unserem Körper identifizieren, dann entwickeln wir Gedanken und Einstellungen wie „ich bin schön“ , „ich bin hässlich“, „ich bin schlank“, „ich bin dick“, „ich bin sexy“, „ich bin unattraktiv“ etc.. Diese Gedanken und Einstellungen bringen deinen Glauben zum Ausdruck, dass deine Identität durch deine Körperlichkeit bestimmt wird. Wenn deine Identität jedoch überwiegend oder unter Ausschluss der anderen Schichten von deiner körperlichen Erscheinung bestimmt ist, dann fußt dein Selbstwertgefühl unvermeidlich auf deiner und Anderer Wertschätzung deines Körpers. Doch genau wie materielle Besitztümer so ist auch der Körper keine solide Basis für eine Identität. Denn der Körper ist sterblich, seine Blüte ist irgendwannzu Ende, er altert, zerfällt und stirbt. Wenn deine ganze Identität auf deinem Körper gründet, ist das eine schreckliche Vorstellung.

Es ist offensichtlich, wie besessen der Mensch der westlichen Kultur ist von der Perfektion und dem Erhalt des physischen Körpers. Der letztendliche Zerfall, der Tod, wird praktisch vollends aus dem öffentlichen Bewusstsein getilgt. Propagiert werden stattdessen unentwegt glänzende, schöne, gesunde, attraktive, jugendlich-frische Körper – und damit die Illusion einer Unsterblichkeit. Beachte, dass die Identifikation mit einem „schönen Körper“ aus tantrischer Sicht ebenso zum Leiden führen muss wie die negative Einstellung, einen „hässlichen Körper zu haben“. Im nicht erwachten Bewusstsein ist alle Wirklichkeit dualistisch, d.h. das Gegenteil ist immer gegenwärtig. Wer „schön“ denkt, der denkt auch „hässlich“ – beides führt gleichermaßen unvermeidlich zu Anhaftung – und damit zu Leid.
Die indische Tradition, insbesondere der Shivaismus, lehrte sehr wirksame, intensive Übungen zur Überwindung der Identifikation mit dem Körper. Ausgiebige Meditationen über die Unbeständigkeit des Körpers beinhalteten z.B. die Praxis, auf den Verbrennungsstätten mit offenen Augen über Tage oder Wochen auf die brennenden Leichname zu starren, um die Tatsache der Sterblichkeit des Körpers und den besonderen Wert des Lebens tief ins Bewusstsein zu brennen.

Im Gegensatz dazu haben wir im Westen die Leichname aus der Öffentlichkeit gebannt – ein dicker Hinweis mehr auf die Tatsache, dass unsere wirklichen Tabus nicht in der Sexualität, sondern in unserem Umgang mit dem Tod zu finden sind. Eine Tatsache, die in westlichen Traditionen des Okkultismus immer wieder gelehrt wurde – und wird. Diesen hauseigenen Rufern wird jedoch kein Gehör geschenkt, stattdessen müssen viele im Neotantra scheinbar unentwegt die Heiligkeit ihrer Genitalien unter Beweis stellen. Auch diese sexuelle Fixierung ist ein Ausdruck für die limitierende Identifikation mit dem Körperlichen. Und ein trickreicher Weg, der wirklichen tantrischen Erfahrung aus dem Weg zu gehen.

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