Philosophie und Praxis des indischen Tantra

5 Schichten des Selbst: citta – Geist und Herz

Die nächste Schicht ist citta, reines Bewusstsein das sich zusammengezogen hat zu Gedanken (Geist) und Gefühlen (Herz). Gedanken wie Gefühle sind beides Schwingungen des „Geist-Stoffes“, citta. Sie unterscheiden sich nicht ihrer Natur nach, sondern in ihrer Intensität der Schwingung bzw. der Frequenz. Es ist von verschiedenen Faktoren abhängig, ob sich unser Geist in Gedanken oder Gefühlen manifestiert, beide sind in jedem Falle aus dem gleichen „Stoff“ gewoben. Sie drücken sich lediglich unterschiedlich aus in ihrer energetischen Ladung, Masse und Trägheit.
Unsere Identifikationen mit dem Geist-Stoff äußern sich in Gedanken und Aussagen wie „Ich bin klug“, „ich bin dumm“, „ich bin glücklich“, „ich bin traurig“ etc.. Dass Gedanken und Gefühle verschiedene Enden des gleichen Spektrums sind, kannst Du daran feststellen, dass ein Gefühlserlebnis praktisch immer mit einem bestimmten Gedanken oder Set von Gedanken verbunden ist, wenn auch meist unbewusst. Sich dieser Verbindung und dieses Gedankens bewusst zu werden gibt Dir immer die Möglichkeit, dich aus der Umklammerung und der Identifikation mit diesem Gefühl zu befreien – und so die darin gebundene Energie freizusetzen. Tatsächlich ist dies der Schlüssel zu einer ganzen Reihe wirksamer Meditationstechniken.

Wir leiden notgedrungen, wenn wir uns mit den Inhalten unseres Geistes identifizieren, denn diese wandeln sich noch viel schneller als unser Körper. Gedanken und Gefühle tauchen auf, halten uns in ihrem Griff, verlieren ihre Energie und tauchen wieder ab – unser Geist bietet kein stabiles Objekt zur Identifikation. Bilder, Gefühle, Gedanken, Worte, Ideen und Vorstellungen tauchen unentwegt auf und ab und entpuppen sich, egal wie intensiv sie im Moment erlebt werden, immer wieder als flüchtig und substanzlos. Damit wir überhaupt eine geistige Stabilität erleben, wiederholen wir bestimmte Muster von Gedanken und Gefühlen. Diese Wiederholungen werden schließlich zu Gewohnheiten, mit denen wir dann so vertraut werden, dass wir sie als Basis für unsere Ich-Identität erachten – und entsprechend verteidigen.
Wir halten an diesen – meist nicht gesunden – Mustern fest, weil wir uns Identität und Sicherheit von ihnen versprechen, weil sie uns ein Gefühl vermitteln dafür, „wie die Dinge sein sollten“. Wenn wir jedoch zulassen können und erfahren, dass unsere Identität nicht von unseren Gedanken und Gefühlen geformt und bestimmt wird, dann erleben wir eine ungeheuere Erleichterung. Die durch die Lösung von unserer Identifikation frei gesetzte Energie vermittelt uns die Erfahrung eines kontinuierlichen Flusses, und wir lernen, auf den Wellen dieses Flusses zu reiten und zu surfen. Wir erleben angstfreie Nicht-Identifikation und erfreuen uns an der Intensität der Gefühle, egal ob „positiv“ oder „negativ“.

Die Lösung dieser Identifikation ist aber nur möglich, wenn wir die Erfahrung unseres Selbst auf zunehmend tiefere Schichten unseres Selbst gründen. Dieses Üben der Nicht-Anhaftung und Disidentifikation von den Inhalten des Geistes ist eine Kernpraxis des Yoga wie des Tantra – und praktisch jeder Schule der Illumination.
Der gewöhnliche Geist erzeugt durch Vereinfachung und Verallgemeinerung die Illusion geordneter und übersichtlicher und damit kontrollierbarer Wirklichkeiten, vikalpas. Indem wir die Identifikation mit unserem Geist-Herz lockern, werden wir auch skeptischer gegenüber seinen erzeugten Realitäten (vikalpas). Wir erkennen zunehmend genauer, wie diese Wirklichkeiten gesponnen werden aus Wünschen, Hoffnungen und Ängsten, die auf angenehmen oder schmerzhaften Erfahrungen in der Vergangenheit basieren, anstatt sich mit der Wirklichkeit direkt vor uns auseinanderzusetzen.

Disidentifikation, also Freiheit von unserem Geist, führt unweigerlich auch dazu, uns selbst nicht mehr ganz so ernst zu nehmen und nicht jeden von uns erdachten Gedanken für die absolute Wahrheit zu halten. Wir lernen, dass unser Geist nur eine von mehreren Quellen der Erfahrung und der Identifikation ist – und lernen zu erkennen, wann unsere Gedanken und Gefühle tatsächlich auf die Wirklichkeit und tiefere Schichten unseres Selbst verweisen. Diese Unterscheidung zwischen befreienden und bindenden Gedanken und Gefühlen ist nur möglich vom Standpunkt einer umfassenderen Erfahrung des Selbst als jene, die citta allein gewähren kann.

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