Philosophie und Praxis des indischen Tantra

Cit-Shakti – Die Kraft des Bewusstseins

Die Kraft des Bewusstseins ist die Grundlage aller Wirklichkeit. Die wichtigste Frage, die sich daraus ergibt, ist:  in welchem Ausmaß ist diese Kraft des Bewusstseins vorherrschend in jeder einzelnen Erfahrung, die wir machen?

Die tantrische Sicht differenziert sehr genau zwischen den Anteilen an Objektivität und Subjektivität in jeder bewussten Erfahrung. Zur Erläuterung: jede individuelle Erfahrung einer Wahrnehmung ist die Kontraktion grenzenlosen Bewusstseins zu einem als „Wirklichkeit“ erfahrenem selbstlimitierten Bewusstsein. In dieser dualistischen Selbstlimitierung des Bewusstseins gibt es immer das wahrnehmende Subjekt und das wahrgenommene Objekt. Sind wir uns nun im Akt einer Wahrnehmung vornehmlich des Objektes der Wahrnehmung bewusst oder des wahrnehmenden Subjektes? Anders ausgedrückt: Ist unser Bewusstsein in jedem gegebenem Moment mehr von der Objektivität oder der Subjektivität bestimmt? Auch wenn unser Bewusstsein mehr von der Subjektivität bestimmt ist, wir uns also unserer Bewusstheit bewusst sind, ist diese Erfahrung noch immer das Resultat kontrahierten Bewusstseins. Wenn Du zum Beispiel intensive Freude oder intensiven Schmerz erfährst, dann bist Du dir nicht nur des Schmerzes oder der Freude (dem Objekt) bewusst, sondern auch und in besonderem Maße der Tatsache bewusst, dass Du ein bewusstes, wahrnehmendes Wesen bist, das gerade die packende Schönheit eines Sonnenunterganges oder den akuten Schmerz entzündeter Zahnwurzeln als Vibration (Objektivierung) in deinem Bewusstsein erfährst. Wenn Du dir hingegen ganz des Bewusstseins bewusst bist, dann erfährst  Du keine Kontraktion des Bewusstseins zu irgendeiner Form, wie Freude oder Schmerz etc., als Einschränkung mehr.

Erwachtes, seiner selbst bewusstes Bewusstseins kann sich spontan einstellen oder durch spirituelle Praxis hergestellt und etabliert werden. Wir haben gelegentlich spontane Erfahrungen dieses sich selbst ausdrückenden Bewusstseins, einfach deshalb, weil es unsere wahre Natur ist.

Vielleicht hast Du es erfahren während eines stillen Spaziergangs in der Natur, während einer tiefen Verbundenheit mit einem Freund bei gleichzeitiger Zentrierung in Dir selbst oder während eines Momentes erstaunlich tiefer Ruhe an einem Scheidepunkt deines Lebens oder in einem Augenblick einsetzender Verliebtheit. In diesen Momenten fühlen wir uns ausgedehnt und ausgebreitet, unser Bewusstsein ist intensiviert und unsere Umgebung erscheint uns viel lebendiger, viel schärfer in seiner Realität als dies gewöhnlich der Fall ist. Diese Momente fühlen sich an wie aufgeladen mit Bedeutung und mit Kraft. Sie deuten uns an, welche Erfahrung der Wirklichkeit wir haben können, wenn wir jeden Moment mit vollem Bewusstsein erleben.

Wir erleben auf diese Weise Bewusstsein als wirkliche Kraft. Kultivieren können wir diese Kraft durch die spirituelle Praxis der Meditation, durch welche wir schrittweise voranschreiten hin zu einem Zustand, in dem wir  geleitet werden von einem Bewusstsein unserer wirklichen Natur, in der unsere Kräfte und Potenziale voll entfaltet sind – einem Bewusstsein, dass immer wieder neu erscheint, sich immer wieder selbst erneuert.

Es wichtig darauf hinzuweisen, dass im Kontext des nondualen Saiva Tantra die Praxis der Meditation eine vorwiegend zerstörerische ist: das heißt, sie richtet sich überwiegend darauf, alle unsere falschen Vorstellungen und Beschränkungen aufzulösen und unsere wahre Natur zu enthüllen, den Kern unseres Seins, das wir immer gewesen sind. Wie Abhinavagupta lehrt, müssen nur die falschen mentalen Konstrukte über uns selbst zuerst destabilisiert und dann aufgelöst werden, damit das Herz sich offenbart in seiner ganzen Fülle. Da Du dieses bereits bist, muss nichts hinzugefügt werden, um dich perfekt zu machen.

Und dennoch müssen die Meisten durch Übung und Praxis erst ihre Fertigkeiten und Fähigkeiten erweitern, um die Verbindung mit unserer eingeborenen Vollkommenheit dauerhaft aufrecht erhalten zu können.

Der Prozess, den Kern unseres Seins und den Kern der Wirklichkeit zu enthüllen unterscheidet sich jedoch sehr von jener Art von Therapie, die darauf abzielt, dass du dich „besser“ fühlst. Für manche Menschen kann es sehr schwierig und schmerzhaft sein, alle ihre Selbstbilder aufzugeben, in deren Konstruktion und Aufrechterhaltung sie soviel Energie investiert haben.

Das wichtigste Werkzeug in diesem Prozess der Auflösung, der gleichzeitig auch der Prozess der Selbstoffenbarung ist, ist die Entwicklung und Praxis von Urteilsvermögen, denn dieses erlaubt uns zu unterscheiden zwischen Wirklichkeit und den mentalen Konstrukten (vikalpas), die wir auf diese projizieren. Dadurch, dass wir Unterscheidsvermögen und  Einsicht entwickeln, untersuchen und verstehen wir immer feiner und genauer, wie unsere Konzeptionen von Wirklichkeit entstehen. Es fällt uns dann zunehmend immer leichter, von diesen loszulassen, und uns der Erfahrung der Wirklichkeit zu stellen. Dieser dialektische Prozess von Vorstellungen entwickeln und diese dann wieder fallen lassen bzw. auflösen führt schließlich dazu, dass wir Konzeptionen der Wirklichkeit entwickeln, denen wir so unverhaftet sind, dass, wenn sie wegfallen, wir keine neue vermittelnde Konzeption erzeugen müssen. Die spontane Erfahrung der Wirklichkeit triggert dann nicht mehr unmittelbar die Erzeugung mentaler Konstrukte an.

Dieser Prozess ist ein Beispiel dafür, wie sich das Bewusstsein durch die Kraft des Wissens Zugang ermöglicht zu den Kräften der Glückseligkeit und der Freiheit. Wenn wir die Dinge sehen wie sie wirklich sind, erschließen sich uns diese Kräfte auf ganz natürliche Weise, sind sie doch alle letztlich Entfaltungen des einen, universellen Bewusstseins.

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