Philosophie und Praxis des indischen Tantra

Ānanda-Shakti – Die Kraft der Glückseligkeit

Abhinavagupta lehrt, dass sich Glückseligkeit von selbst und spontan einstellt, wenn wir in wachem Bewusstsein verweilen. Das Sanskrit Wort für „verweilen“, visranti, bringt dies sehr schön zum Ausdruck. Es bedeutet im friedvollen Grund des Seins zu ruhen, einem Zustand wirklicher Verbundenheit, der so erfrischend ist wie die kühlenden Strahlen des Mondes nach einem anstrengenden Tag.

Wenn es uns gelingt die Kraft des Bewusstseins zu aktivieren, zu intensivieren und auszudehnen und uns dann in ihrem Zentrum zu festigen, und dann in diesem zu verweilen – sei es auch nur für ein paar Augenblicke – dann erlangen wir auf ganz natürliche Weise Zugang zur Fülle von Ānanda-shakti, der Kraft der Glückseligkeit. Denn Glückseligkeit wohnt dem Bewusstsein inne wie die Hitze den Feuer.

Wir müssen aber genau unterscheiden zwischen Glückseligkeit (Ānanda) und  dem gewöhnlichen Glückserleben bzw. glücklichen Gefühlen (sukha). Gewöhnliches Glück erfahren wir, wenn unsere Bedürfnisse befriedigt sind, also wenn gewisse Bedingungen erfüllt sind und die Umstände stimmen. Das bedeutet auch, dass wir das Gegenteil, also Unbefriedigtsein, Unzufriedenheit und Sorge (dukha) erfahren, wenn unsere Bedürfnisse nicht befriedigt sind und die Umstände nicht stimmig sind.
Im Gegensatz dazu bezeichnet Ānanda eine Art der Erfahrung der Wirklichkeit, die vollständig unabhängig ist von den jeweiligen Umständen und Bedingungen. Der Begriff „Glückseligkeit“ ist daher auch nur ein sehr mühsamer Versuch, wiederzugeben was Ānanda eigentlich meint: einen Zustand absoluter Zufriedenheit, Akzeptanz, und tiefer, doch äußerst feiner Freude – ein Frieden, der alles Verständnis übersteigt. Dieser Zustand, der so viel erfüllender ist als jedes gewöhnliche Erleben von Glück, kann unter allen Umständen, in jeder Situation erfahren werden. Du kannst zum Beispiel intensive Trauer oder Schmerz erleben und dennoch gleichzeitig Ānanda erfahren.
Wir treten ein in die Kraft der Glückseligkeit einfach dadurch, dass wir uns vollkommen bewusst werden über das, was wir fühlen in jedem gegebenen Moment und es vollständig annehmen, keinem Teil davon ablehnen. Es ist wichtig nicht zu bewerten was wir fühlen oder denken, sondern es zu nehmen wie es ist, und zwar in seiner Ganzheit. Je mehr wir diese liebevolle Selbst-Bewusstheit praktizieren, desto größer und vollständiger wird die Erfahrung von Ānanda, die unweigerlich damit einhergeht.

Üblicherweise denken wir, dass unser Erleben von Glück verschiedene Ursachen haben kann. Das nonduale Saiva Tantra lehrt jedoch, dass es immer nur einen Grund gibt. Wann immer du Glückseligkeit, Ānanda, erfahren hast – es waren stets Momente, in denen du dir erlaubt hast du selbst zu sein, und zwar vollständig präsent und bewusst. Du hast dich in diesen Momenten der Wirklichkeit ergeben und dich ihrer Schönheit geöffnet. Es mag dir im nachhinein schlüssig erscheinen, für jede dieser Erfahrungen eine unterschiedliche Ursache zu benennen – die Schönheit einer Landschaft, das anstrengungslose Schreiben eines gelungenen Gedichts, die perfekte Liebesnacht, die Anerkennung und Unterstützung deiner Freunde.
Doch was wirklich die Erfahrung von Ānanda in diesen Momenten ausgelöst hat, waren nicht die einzelnen unterschiedlichen Umstände, sondern dass Du dich in diesen Momenten der Wirklichkeit geöffnet und dich mit ihr verbunden hast anstelle nur mit einer Vorstellung/Konzeption von ihr. Mit anderen Worten: die Kraft des Bewusstseins wurde aktiviert und konnte sich ausdehnen, weil Du ihr den Raum, das „Ja“ gegeben hast.
Diese volle Bewusstheit ist das einzige Mittel, Dir deine eingeborene Glückseligkeit zu enthüllen. Wir entmächtigen und selbst, wenn wir dem Glauben folgen, dass der Grund für unsere größte Freude außerhalb von uns liegt, z.B. in Form einer anderen Person oder einem ganz besonderen Umstand. Im besten Falle können diese äußeren Umstände ein ausgedehntes und intensiviertes Bewusstsein auslösen, welches dann selbst die Ursache ist für die Erfahrung von Ānanda.

Die Meisten von uns sind einfach unentwegt gefangen in einer Welt ihrer eigenen Gedanken, Vorstellungen und Projektionen. Wir sind nicht vollständig verbunden mit der Wirklichkeit und daher nicht in der Lage, unsere innere Kraft und Schönheit darin zu erfahren. Meist fürchten wir einfach die Verwundbarkeit, die einher geht mit solcher Verbundenheit mit der Wirklichkeit – oder wir befinden die Wirklichkeit einfach langweiliger im Vergleich zu unserer Fantasiewelt. Daher sind wir oft so konditioniert, dass wir uns nur der Freude, Liebe und Glückseligkeit öffnen, wenn bestimmte Umstände gegeben sind, in denen wir uns sicher fühlen. Das führt uns zu der falschen Vorstellung, dass solche Erfahrungen von Glückseligkeit nur möglich sind, wenn bestimmte Bedingungen und Umstände erfüllt werden.
Der tantrische Weg hingegen lehrt uns, wie wir uns auch anderen Umständen und unter anderen Bedingungen öffnen können und auf diese Weise erfahren und lernen, dass Offenheit und Bewusstsein die eigentlichen Ursachen sind für wahre Glückseligkeit, und nichts sonst. Diese Einsicht zu entwickeln hilft uns zu verstehen, dass, um Glückseligkeit zu erfahren, wir einfach nur bewusster werden müssen. Tatsächlich kann der gesamte tantrische Pfad charakterisiert werden als die Entwicklung von inneren Auslösern für diese glückselige Bewusstheit, so dass wir vollständig frei werden von der Notwendigkeit und Abhängigkeit äußerer Umstände.

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