Philosophie und Praxis des indischen Tantra

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Der Vogel, der noch nie vom Süßwasser gekostet hat, taucht Jahr für Jahr seinen Schnabel in Salzwasser.

Kaula (oder Kula) Tantra ist eine Strömung des Tantra, die zwischen dem 5.und 9.Jahrhundert in Indien sich aus den nondualen Lehren des nordindischen Shivaismus, schamanistischer Magie und der Kapalika-Tradition des Tantrismus entwickelte.

Charakteristische Kennzeichen des Kaula Tantra

  • Die Kaula Linie betont die Bedeutung der persönlichen Erfahrung durch Einweihung, Ritual und Praxis.
  • Kaula Tantra legt hohen Wert auf die Verehrung der Shakti (= kula) als Form und Energie aller Wesen und Gottheiten – und praktiziert dementsprechend eine besondere Verehrung der Frau, ohne Rücksicht auf deren gesellschaftliche Stellung.
  • Kaula strebt nach Verwirklichung der Befreiung in allen Zuständen, den niedersten wie den obersten wie den mittleren. Es macht daher keinen Unterschied zwischen der Wirklichkeit der Erlangung beispielsweise in tiefer Meditation oder alltäglicher Lebenswirklichkeit. Wo und in welchem Zustand des Geistes Du dich gerade befindest – wach, schlafend, träumend oder erwacht – immer ist die Verwirklichung nur maximal einen Gedanken weit entfernt.
  • Kula bedeutet auch Clan, Gruppe, Familie – in die man eingeweiht werden muss, um zu einem Kaula zu werden. Diese Einweihung beinhaltete die Aufnahme der Essenz der Gruppe, d.h. der Göttin, die im Mittelpunkt der Verehrung stand. Typisch für Kaula ist die Verehrung und Manifestation zorniger und wilder Yogini-Power.
  • Sexuelle Riten werden nur mit Mitgliedern der Gruppe vollzogen – und nur mit diesen (Yogini-Kaulas) wird auch das Elixier getauscht.
  • Ein Kaula gilt als ein vollender Befreiter, ein Avadhuta, dessen Verhalten völlig unbeeinflusst ist von den Werten und Regeln der Gesellschaft, der sowohl als nackter Bettler wie als weltlicher Lebemann auftreten kann.

Kaula und die Verehrung des Weiblichen

Die Gründe, warum der linke Weg der Kaulas der Frau eine höhere Wertigkeit und Bedeutung zuspricht als der rechte Weg der Saiddhāntikas, sind in den historischen Einflüssen zu finden, die die Kaulas zuzsätzlich prägten. Beide Strömungen gingen zwar aus dem Shivaismus hervor, doch während der Saiddhānta sich darüber hinaus eher an der vedischen Kultur des städtischen Indien orientierte, entwickelte sich die linke Strömung des Kaula Pfades aus der eher ländlichen Religionskultur mit ihren starken schamanistischen Elementen. Über diese schamanistische Kultur Indiens ist wenig bekannt, da sie keine oder nur sehr wenige schriftliche Überlieferung kennt. Doch wie alle schamanistischen Kulturen ist auch die indische geprägt von einer mit Magie verwobenen Spiritualität, die von Naturgeistern, wilden und mächtige Kräften und ekstatischen Riten geprägt ist. Wie der tibetische Buddhismus von den zornigen und wilden Geistern der schamanischen Bön-Religion bereichert wurde, so entstammen die meisten der zornigen und furchteinflößenden Gottheiten, die eine so große Rolle spielten im Kaula-Tantrismus, der älteren schamanischen Tradition des ländlichen Indien.

Die “Naturgeister”, die in schamanischen Riten beschworen wurden, wurden auch ḍākinīs oder yoginīs genannt, also mit dem Begriff versehen, den später auch die tantrischen Göttinnen trugen, im Śaiva Tantra ebenso wie im tantrischen Buddhismus. Diese Naturgeister wurden angeführt von einer Hauptgöttin oder der grausig-schrecklichen Gestalt des Shiva, Bhairava, als dem “Herrn der Jagd”, in dessen Gestalt der Schamane aufstieg zu den Himmeln. Aus der exzessiven Natur schamanischer Riten stammen auch viele der dunkleren, fruchteinflößenden Symbole und Praktiken des Shivaismus, wie die Verwendung menschlicher Totenschädel, in denen Opferblut gesammelt wurde, Meditationen auf Verbrennungsstätten, das Beschmieren mit der blauen Asche der Verbrennungsfeuer und sogar einige Praktiken mit Leichen. Ein wichtiger Bestandteil der schamanischen Einweihung und Praxis ist die Überwindung der Furcht vor demTode sowie die Erfahrung der Transformation unter Einfluss der mächtigen Kräfte der Erde und der Unterwelt, die zumeist als weibliche Energien dargestellt wurden. In Gegenwart der wildesten, schrecklichsten und fruchteinflößendsten Kräfte sprichwörtlich ruhig Blut zu wahren und die Verehrung und Bewusstheit aufrecht zu erhalten, ist die Voraussetzung, die Energien der Göttinnen anzuziehen und Kontrolle über sie zu erlangen.

Allerdings verlegten die Kaulas im Laufe der Zeit diese wilderen schamanistischen Praktiken zunehmend ins Innere. So interpretierten die Kaulas ab ca. dem 9.Jahrhundert, dass die wilden Gottheiten Ausdrucksformen der verschiedenen Energien und Aspekte des menschlichen Geistes und Körpers seien. Die Konfrontation mit dem Tode wurde so zum Sinnbild für die Transzendenz des Ego, das Aufsteigen als Bhairava wurde interpretiert als die Erhebung in die Zustände reiner Bewusstheit etc..

Der wilde Volksglaube der ländlichen schamanischen Kulturen lieferte also die Szenarien und Bilderwelten der Kaula-Tradition, die in den früheren tantrischen Texten schriftlich hinterlassen wurden. Und da das alte Indien eine tief traditionelle Gesellschaft war, die keine Möglichkeit bot, eine frühere Phase der eigenen Tradition einfach abzulehnen oder zu verleugnen, blieben die Überbleibsel der schamanistischen Praktiken in der schriftlichen Überlieferung des Tantra erhalten.

Kaula und der Kaschmir Shivaismus

Im Norden Indiens, insbesondere in Kaschmir, erlebte das nonduale Tantra der Kaulas seine Hochzeit. Die Könige dieser Zeit tolerierten das Kaula-Tantra und ließen sich zum Teil von den philosophischen und ästhetischen Theorien der Kaula-Gelehrten inspirieren und beeinflussen. Es entstand die postskripturale, exegetische Tradition des Tantra – die letztlich im Kaschmir Shivaismus mündete – und die die frühere Tradition in einem hermeneutischen Prozess reinterpretierte. In dem Bemühen, die Traditon dem aktuellen “Zeitgeist” näher zu bringen, deuteten die Kaula-Gelehrten die groben und wilden Elemente, wie die zornigen Gottheiten, als Elemente innerer spiritueller Erfahrung. In ihren Augen destillierten sie aus den frühen Schriften einfach die wahre, tiefere Bedeutung heraus, die schon immer darin enthalten gewesen war, jene Bedeutung, die Gott Shiva schon immer beabsichtigt hatte.

Diese Neu-Interpretation im Sinne einer Ästhetisierung passte sehr gut zu den nondualen Lehren, denn jetzt konnten sie die scheinbar schrecklichen, abstoßenden Zustände als Aspekte göttlichen Seins deuten, als Ausdrücke der makellosen Schönheit des Daseins. Diese neue ästhetische Perspektive spiegelt sich wider in verschiedenen Formen der tantrischen Kunst (z.B. dem Tempelbau), die wilde zornige Gottheiten als wohlwollende Gottheiten darstellen. Die Darstellung wohlwollender göttlicher Aspekte als zornige Gottheiten bleibt in der indischen Religion ein exklusives Merkmal der nondualen Lehren des Kaula-Weges.

Adiguru Matsyendranath (Minapa)

Ich habe kaula hier erläutert als einen Begriff für die linke Strömung der tantrischen Tradition, die sich, daran sei hier nochmal erinnert, auszeichnet durch:

  • die nondualen Lehren eines universellen Bewusstseins
  • der Anbetung von weiblichen und zornigen Gottheiten
  • der Lehre, dass Befreiung in diesem Leben (und nicht erst mit dem Tode) erlangt werden kann und sollte
  • das Brechen von Tabus und traditionellen sozialen und religiösen Normen

Dieser Überbegriff des kaula stammt jedoch von einer ganz bestimmten Linie einzelner Gruppen, die sich selbst kaulas nannten. Die Kaulas sahen sich der kula, also der “Familie” zugehörig, die das Tantra in der Traditon des Mahāsiddha Matsyendranath und seiner Gefährtin praktizierten.

Matsyendranath (auch als Mina, Minapa, Macchendranath identifiziert) lebte an der Bucht von Bengalen als Fischer und erhielt seine Einweihung von Mahādeva, d.h. von Shiva selbst, als er im Bauche eines Fisches, der ihn veschluckt hatte, mithörte, wie Shiva der Shakti am Ufer eines Sees die Geheimnisse des Tantra erklärte.(!) Die Tradition nennt ihn den “Offenbarer der Wahrheit” des vierten, also gegenwärtigen, Zeitalters und er wird im indischen wie im buddhistischen Tantra gleichermaßen als ein Meister anerkannt, der die höchste Verwirklichung erlangt hat, also als Verkörperung des Shiva bzw. Buddha (in Nepal wird er entsprechend sogar als Gott verehrt).

Doch Matsyendranath wirkte und lehrte nicht alleine. Er hatte eine Gefährtin, Konkanāmbā (“die Mutter von Konkan”, einem Ort in der Nähe von Bombay/Mumbai), und beide verehrten Shiva und Shakti als vereinigtes Paar unter den Namen Kuleśvara und Kuleśvarī („Herr und Herrin der Familie“). Der Legende nach hatten sie 12 Söhne, von denen sechs zölibatär lebende Asketen wurden, während die anderen sechs heirateten und Haushalte gründeten. Die letzteren sechs Söhne initiierten Matsyandranath und Konkanāmbā in das Tantra und übermittelten ihnen ihre Weisheitslehren, die die Erfahrbarkeit des Göttlichen im Körperlichen und Sinnlichen betonten. Diese sechs Söhne (deren Namen alle nicht Sanskrit waren, sondern auf frühe schamanische Wurzeln hinweisen) bildeten die sechs Linien der Kaulas, die sich über den ganzen Subkontinent verteilten und sich einander an geheimen Handzeichen erkannten.

Diese Kaula-Linie ist rein Praxis-orientiert, sie kennt kein Haupttantra, keine Hauptgottheit und kein Hauptmantra -und tritt daher nicht als eigene Schule auf. Vielmehr ist Kaula ein bestimmter Weg, die Lehren des Tantra zu praktizieren – mit einer Betonung sinnlicher und sexueller Elemente. Die besondere Art der Tantra-Praxis dieser “Familie” hatte einen tiefen Einfluss auf die Schulen/Sekten der linken Strömung des Tantra, sodass einige dieser Schulen in zwei Varianten auftraten, wie z.B. die Trika und die Kaula Trika. Die Krama-Schule dagegen bildete sich unter einem sehr starken Einfluss der Kaulas heraus und kannte gar keine Nicht-Kaula Variante.

Kaula und sexuelle Riten

Wann immer von sexuellen Riten innerhalb des Tantra die Rede ist, dann ist das ein Beleg für die Kaula-Linie der Tantras. Denn sexuelle Vereinigungsriten sowie die Verwendung von sexuellen Ausscheidungen als Opfergabe und Sakrament tauchen ausschließlich innerhalb der Kaula-Tradition auf. Allerdings zielen die sexuellen Praktiken der Kaulas auf ganz andere Ziele als die im westlichen Neotantra so manisch verfolgte “sexuelle Ekstase”, die doch nichts anderes ist als die vorübergehende Überwindung der Spannung zwischen den Geschlechtern (eine wirkliche Veränderung des Bewusstseins wird von der Energie der Kundalini-Shakti ausgelöst – und diese ist nicht identisch mit der “sexuellen Energie”, bzw. nicht auf diese begrenzt). Die Sexualität wird im Kaula-Tantra nicht “transformiert” bis zur Saftlosigkeit, sondern magisch (in einem Sexualritual: kula-yāga) genutzt, um eine Substanz (das yoni-tattva) zu erzeugen, die wie eine Droge im Konsumierenden eine echte Bewusstseinsveränderung bewirkt. Entsprechend können solche Riten nur von fortgeschrittenen Tantrikern, bzw. zu Initiationszwecken von Gurus, erfolgreich vollzogen werden. Eine Ansicht, die auch Abhinava Gupta, der selbst in seinem solchen Ritual empfangen wurde, teilt.

Die Essenz des Kaula Tantra:

Kaula Tantra ist ein Weg, der bestimmte Methoden und Praktiken nutzt vor dem Hintergrund eines klar umrissenen, holistischen Welt- und Menschenbildes: dem Shivaismus. Er nutzt alle Potenziale des Lebens – sexuelle, emotionale, intellektuelle und spirituelle Potenziale – um die volle Entfaltung des Bewusstseins zu erfahren und dieses in allen Aspekten und Handlungen des Lebens zu manifestieren.

Vor allem anderen aber ist Kaula keine Theorie, sondern ein praktischer Weg zu sein und zu handeln.

Die fünf Objekte der Sinne erzeugen den gesamten Kosmos. Von all diesem ist Wissen die Essenz. Yoga ist Befreiung.

… Das Ewige ist identisch mit dem Vorübergehenden. Wissen ist identisch mit Unwissen. Abwesenheit von Dharma ist Dharma. Das ist Befreiung.

Die 5 Fesseln erzeugen die Essenz des Wissens. Pinda (die Gesamtheit unserer Erfahrung) ist der Erzeuger von Allem. Darin liegt Befreiung.

Im Inneren ein Shakta, im Äusseren ein Shaiva, in der Welt ein Vaishnava. So soll es sein. Befreiung kommt aus der Kenntnis des Selbst.

Kaula Upanishad

Links:

http://www.nathorder.org/wiki/Nath_Kula_Kaula

http://www.parvathinath.com/yoga.html

http://www.swamij.com/tantra.htm#kaula

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